21.08.2009, 09:14 Uhr
Caster Semenya muss zum Geschlechtstest. (Foto: dpa)Frau oder Mann, Siegerin oder Betrüger, falsche Verdächtigung oder bittere Wahrheit? Caster Semenya, die Weltmeisterin über 800 Meter, sorgt weiter für reichlich Gesprächsstoff. Jetzt meldet sich ein ehemaliger Trainer, der lange in Südafrika gearbeitet hat, zu Wort . Wie die Schweizer Zeitung "blick" berichtet, soll Semenya nachweislich ein Zwitter sein.
"Südafrika hat die Tests bereits im März gemacht. Das Ergebnis ist klar. Semenya hätte bei der WM in Berlin nicht bei den Frauen starten dürfen. Doch ihre Funktionäre haben voll auf die Karte Risiko gesetzt." sagte der Informant, der nicht genannt werden wollte.
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Der Informant behauptet weiter, dass Südafrikas deutscher Cheftrainer Ekkart Arbeit an der mutmaßlichen Manipulation beteiligt gewesen sei: "Er hat genau gewusst, was zu tun war, dass Semenya bei ihren bisherigen Wettkämpfen stets durchgekommen ist", sagt er. Ihr Testosteronspiegel werde mit Medikamenten so eingestellt, dass sie bei Doping-Kontrollen nicht als Mann auffalle. Arbeit, vorletzter Chefcoach der DDR-Leichtathleten, bestritt die Vorwürfe: "Alles Quatsch. Das ist frech, wenn man nicht mal den Namen der imaginären Quelle nennt", sagte er. Er werde sich hüten, in irgendeiner Form Aussagen zu machen: "Ich weiß von nichts."
Die 18-jährige Caster Semenya war Ende Juli mit einem Lauf über 1:56,72 Minuten aus dem Nichts in die Weltspitze vorgestoßen. Im Halbfinale der WM in Berlin rannte sie in 1:58,66 Minuten die beste Zeit, ehe sie im Finale mit Jahres-Weltbestzeit von 1:55,45 Minuten klar siegte. Ihre Konkurrentinnen, Kenias Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei (1:57,90) und die Britin Jennifer Meadows (1:57,93), ließ sie dabei weit hinter sich.
Es wird für möglich gehalten, dass die Weltmeisterin unwissend eine männliche Chromosomen-Kombination hat. Mediziner sind mit der Untersuchung beschäftigt, räumte der Leichtathletik-Weltverband IAAF ein. "Es gab Medienberichte und unsere visuellen Eindrücke. Daraufhin haben wir gehandelt. Die Untersuchungen laufen und es gibt derzeit keinen Beweis dafür, dass Caster Semenya keine Frau ist. Es gibt Zweifel, aber nicht mehr." verteidigte Pierre Weiß, der IAAF-Generalsekretät bei "bild.de" den Geschlechtstest.
Die südafrikanische Läuferin wollte nach ihrem WM-Sieg die Goldmedaille zunächst ablehnen. Das berichtet die südafrikanische "Times". Aus Protest über den angeordneten Geschlechts-Test habe sie nicht zur Siegerehrung gehen wollen, wurde aber nach Angaben der Zeitung vom Vorsitzenden des nationalen Leichtathletik-Verbandes, Leonard Chuene, umgestimmt. "Sie erklärte mir, nicht aufs Podium gehen zu wollen, doch ich habe ihr gesagt, sie müsse es tun", sagte Chuene und fügte an: "Sie sagte mir: 'Niemand hat mir je erklärt, dass ich keine Frau sei... Ich bin kein Junge! Warum hat man mich hierher gebracht - man hätte mich zu Hause in meinem Dorf lassen sollen'."
In Südafrika steigt der Zorn über die Vorwürfe. Die Familie von Caster Semenya bekräftigte immer wieder, dass ihre Tochter eine Frau sei. "Sie können jeden bei uns im Dorf fragen. Die Leute wissen Bescheid, weil alle mitgeholfen haben, sie zu erziehen. Ich sorge mich nicht, denn ich weiß, dass mein Kind ein Mädchen ist." wird die aufgebrachte Mutter Dorcus Semenya zitiert. Auch die Politik läuft Sturm gegen den umstrittenen Sex-Test. Das Frauen-Ministerium gratulierte demonstrativ zum Gold und die Regierungspartei Afrikanischer Nationalkongress (ANC) forderte: "Wir müssen uns alle hinter unser Golden Girl stellen."
Großmutter Maphuthi Sekgala (80) berichtete der südafrikanischen Times, wie die Enkelin nach den Vorläufen aufgeregt angerufen habe: "Sie hat mir erzählt, die Leute denken, sie sei ein Mann. Was können wir machen, wenn sie als Mann gesehen wird, aber in Wirklichkeit keiner ist? Der liebe Gott hat sie so gemacht." Semenyas Schwester Nkele (16) erklärte: "Die Leute müssen endlich damit aufhören." Die beste Freundin der 800-Meter-Weltmeisterin sagte, Semenya habe noch nie Interesse an einem Freund gehabt. "Sie mag keine Jungs."
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Semenya war wegen ihres jungenhaften Aussehens und ihrer dunklen Stimme offenbar auch in ihrer Heimat lange gehänselt worden. Ein früherer Lehrer erklärte zwar, er sei "sehr, sehr stolz" auf seine Ex-Schülerin, gestand aber auch: Es dauerte bis zur 11. Klasse, ehe er realisierte, dass Caster Semenya ein Mädchen ist. Sogar Semenyas Trainer bestätigte: "Es ist nicht das erste Mal, dass es diese Gerüchte gibt. Fast jeden Nachmittag wird sie beim Training angesprochen, ob sie ein Junge oder ein Mädchen ist."
Das Geschlecht eines Menschen ist nach Auskunft der Berliner Genetikerin Prof. Heidemarie Neitzel nicht so leicht zu bestimmen, wie es gemeinhin scheint. "Man kann das nicht immer so einfach determinieren, die Übergänge zwischen Mann und Frau sind fließend", erläuterte die Leiterin der Zytogenetik an der Berliner Universitätsklinik Charité. "Vor 20 bis 30 Jahren hätte man gesagt, wenn ein Y da ist, ist jemand männlich. Heute wissen wir, dass es nicht mehr so klar ist." So gebe es Männer ohne und Frauen mit Y-Chromosom. Auch die Untersuchung der inneren Geschlechtsorgane bringt nach den Worten der Expertin ebenfalls nicht unbedingt ein eindeutiges Ergebnis. "Es gibt beispielsweise Mischgewebe zwischen Eierstöcken und Hoden."
In der Vergangenheit gab es wiederholt Fälle, bei denen Tests zu Tage förderten, dass Männer unwissentlich als Frauen an den Start gingen. Die als Polin geborene Amerikanerin Stella Walsh etwa holte über 100 Meter 1932 in Los Angeles Olympia-Gold und vier Jahre später in Berlin Silber. Als sie 1980 bei einem Überfall erschossen wurde, stellte sich heraus, dass Walsh in Wirklichkeit ein Mann war.
Caster Semenya ist kein Einzelfall. "Wir haben mittlerweile viele Zwitter in dem Geschäft." so IAAF Ratsmitglied Helmut Digel. "Die Einführung einer dritten Geschlechtskategorie wäre Horror. Aber der Problematik insgesamt müssen wir uns stellen." In mehreren Monaten, wenn die Ergebnisse des Geschlechtstests bekannt sind, wird man wissen, ob diese Diskussion tatsächlich weitergeführt werden muss.
Quelle: t-online.de , sid , dpa
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