15.02.2009, 09:14 Uhr
Aus Berlin berichtet Sebastian Schlichting
Dieter Hoeneß (li.) und Lucien Favre haben derzeit gut lachen. (Foto: imago)Lucien Favre wird bei seinen Analysen nach Spielen selten emotional. Meist spricht er sachlich und zurückhaltend. Auch am Samstagabend formulierte der Trainer von Hertha BSC seine Worte unaufgeregt. Doch was er sagte, war für Favres Verhältnisse schon äußerst euphorisch: "Das ist phantastisch. 2:1 gegen die Bayern, fast 75.000 Zuschauer im Stadion." Favre hielt kurz inne und fügte an: "Das genügt für heute."
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Mehr ging auch nicht. Hertha BSC hat den Titelfavoriten FC Bayern München geschlagen und ist am 20. Spieltag auf dem Bundesliga-Gipfel angekommen. Hertha – der neue Meisterschaftskandidat Nummer eins? Laut Tabelle schon, doch die Beteiligten wollen davon nichts wissen. "Das sagt gar nichts, es sind noch 14 Spiele", verkündete Abwehrspieler Josip Simunic. Manager Dieter Hoeneß ignorierte gar das glänzende Tabellenbild: "Wir fühlen uns weiter als Jäger." Doch die Jäger sind nun die Gejagten. Zum ersten Mal in einer Bundesliga-Rückrunde stehen sie ganz oben.
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Niemand hatte das Team auf der Rechnung. Das ist nun anders. Wer die Bayern trotz zahlreicher Ausfälle schlägt, wird zwangsläufig ernst genommen. Dabei wirkt es so, als überholen sich die Berliner gerade selbst: "Wir sind weiter als ich es selbst erwartet hätte", sagte Manager Hoeneß. Vom Saisonziel – der Qualifikation für den UEFA Cup – lässt er sich trotzdem nicht abbringen.
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Das ist in einer Stadt wie Berlin nicht die falscheste Strategie. Da gibt es keine Zwischentöne. Nach drei Niederlagen bereiten sich die ersten Fans schon auf Fahrten nach Koblenz oder Wehen vor, nur um zwei Siege später von Reisen in der Champions League zu träumen. Doch die Zurückhaltung des Managers ist nicht reines Understatement. Die Berliner sind Erster, erster Anwärter auf die Schale sind sie nicht. Hertha verzaubert die Liga nicht mit brillantem Fußball, Hertha besticht mit gnadenloser Effizienz. Gegen die Bayern etwa reichten 38 Prozent Ballbesitz und 45 Prozent gewonnener Zweikämpfe. Und neun von zwölf Saisonsiegen kamen mit einem Tor Unterschied zustande.
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Es mag abgedroschen klingen, aber beim Tabellenführer ist der Star die Mannschaft. "Es gibt Mannschaften, die individuell besser besetzt sind", gibt Hoeneß freimütig zu. Hertha überzeugt als Einheit auf dem Platz. Die Zeiten divenhafter Einzelkönner wie Marcelinho sind vorbei. Selbst Topstürmer Marko Pantelic hat inzwischen eingesehen, dass eine Ein-Mann-Show bei Trainer Favre gar nicht gut ankommt.
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Seit anderthalb Jahren hat der Schweizer das Sagen in Berlin. Für seine Ankündigung, 2010 um den Titel mitspielen zu wollen, ist er oft belächelt worden. Nach aktuellem Stand ist er seinem Plan nun sogar ein Jahr voraus. Vieles hat sich unter Favre zum Guten gewandelt. Zugänge wie Gojko Kacar, Cicero oder Andrej Voronin passen, das Team ist taktisch hervorragend eingestellt und kann inzwischen sogar den Ausfall mehrerer Stammkräfte kompensieren. Dazu kommt, dass Routiniers wie Torwart Jaroslav Drobny oder Simunic eine sensationelle Saison spielen. Die Mannschaft ist oft am Limit, kann aber – bislang – in entscheidenden Situationen zulegen.
1931 war Hertha letztmals Deutscher Meister. Nah dran an einem Titel war zuletzt die Generation um Erich Beer in den 70er Jahren. Träumen ist nun endlich wieder erlaubt – zumindest für die Fans, die schon von der Meisterschaft singen. Von der Mannschaft fordert Hoeneß, dass "jetzt keiner durchdreht." Pause. "Aber hier wird keiner durchdrehen." Den Sinn für die Realität haben sie sich in Berlin – anders als so manches Mal in früheren Jahren – bewahrt.
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