08.05.2011, 14:01 Uhr
Enttäuschung beim slowakischen Torhüter Jaroslav Halak. (Foto: imago)
Aus Bratislava berichtet Marc L. Merten
Es lastet ein Fluch auf der Eishockey-WM: der Heim-Fluch. Seit 25 Jahren hat kein Gastgeber mehr das Turnier im eigenen Land gewinnen können. Jetzt hat es auch die Slowakei erwischt. Vier Niederlagen in Folge, immer nur mit einem Tor Unterschied, machten den Slowaken den Garaus und zerstörten alle Hoffnungen der Fans auf einen Heim-Triumph. Doch es könnte noch dicker kommen: Denn ausgerechnet Erzfeind Tschechien ist Titelfavorit Nummer eins.
Vor mittlerweile einem Vierteljahrhundert war es zuletzt der ehemaligen UDSSR gelungen, den WM-Titel im eigenen Land zu feiern. 1986 jubelten hunderttausende Russen ihrer Mannschaft nach dem Finalsieg über Schweden in Moskau zu. Die Slowakei wollte den Heim-Fluch dieses Jahr endlich brechen. Vergebens.
Das Wetter in Bratislava hatte sich in den vergangenen Tagen immer mehr der Laune der Gastgeber angepasst. Äußerlich strahlte zwar noch meistens die Sonne, innerlich hingegen sackten die Temperaturen deutlich ab. Und mit den Temperaturen auch alle Hoffnungen. Und als am letzten Vorrundenspieltag sogar noch das Spiel gegen die Russen verloren ging, öffnete passenderweise der Himmel seine Tore und entlud sich in einem peitschenden Gewitter über den Menschen in Bratislava.
Dabei war alles bereitet für ein Fest im Eishockey-Land Slowakei: Was den Deutschen 2006 das Fußball-Sommermärchen war, hätte 2011 das Eishockey-Sommermärchen der Slowaken werden sollen. Public Viewing in den Fußgängerzonen der Altstadt von Bratislava, mehrere Fanzonen, in denen sich zu den Abendspielen tausende Fans vieler Nationen versammeln. Slowakische Fahnen an Fassaden, Fenstern, Balkonen, Autos. Taxifahrer, Kellner und sogar Nachrichtensprecher im Fernsehen mit Trikots der Nationalmannschaft. Und selbst die Staatsgeschäfte ruhten während der ersten Spiele: Präsident Ivan Gasparovic hatte angeordnet, während der Spiele seiner Mannschaft ausnahmslos nicht gestört zu werden.
Für den Gastgeber der Eishockey-WM ist nach der Zwischenrunde Schluss. zum Video
Doch es half alles nichts. Der eigentlich herausragende Kader von Trainer Glen Hanlon stellte sich letztlich als überaltert heraus. Und ausgerechnet einer der NHL-Stars, Torhüter Jaroslav Halak (St. Louis Blues), spielt eine schaurig schwache WM. Da konnten auch die anderen namhaften Spieler wie Marian Gaborik (New York Rangers) und Lubomir Visnovsky (Anaheim Ducks) oder die Altstars um Miroslav Satan und Jozef Stumpel nichts am Aus ändern.
Während für die Spieler der Alptraum zu Ende ist und Coach Hanlon nicht mehr allzu lange seinen Posten innehaben wird, könnte das Horrorszenario für die slowakischen Fans noch größere Ausmaße annehmen. Denn für knapp 8000 Einwohner Bratislavas, wo ab der K.o.-Runde alle Spiele stattfinden werden, könnten die kommenden Tage doch noch zu Feiertagen werden.
8000 Tschechen leben in der slowakischen Hauptstadt, einst kulturelles Zentrum der gemeinsamen Tschechoslowakei. Und weil auch die heutige tschechische Grenze keine 70 Kilometer entfernt ist, strömen immer mehr Nachbarn an den Fuß der Pressburg. Ihr Ziel: im Herzen des großen Rivalen den zweiten WM-Titel in Folge feiern. Für das jüngste Opfer des Heim-Fluchs wäre es die totale Demütigung einer verkorksten WM.
Quelle: t-online.de
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