08.06.2011, 06:52 Uhr
Hohe Gewaltbereitschaft: Vor allem das Hooligan-Problem bereitet Sorgen. (Foto: imago)
Aus Warschau berichtet Marc L. Merten
365 Tage dauert es noch: Am 8. Juni 2012 wird die EM in Polen und der Ukraine angepfiffen. Doch als ob der große Countdown alle Fesseln gelöst hätte, stellt sich statt Vorfreude das Gefühl ein, die Gastgeber sind mit der Organisation des Großereignisses heillos überfordert. Aus der Ukraine war man ja bereits 2010 allerhand schlechte Nachrichten gewohnt. Doch nun eifert der einstige Musterschüler Polen dem Nachbarn auf negative Art und Weise nach. t-online.de hat sich ein Bild vor Ort gemacht und festgestellt: Im ganzen Chaos dreht sich alles um die Frage der Sicherheit.
Kurz hinter der deutschen Grenze, wenn die Autobahnbrücke über der Oder hinter einem liegt, beginnt die Großbaustelle Polen. Die Fahrt in die Hauptstadt Warschau, kaum mehr als 500 Kilometer, wird zur neunstündigen Tortur, Pausen nicht eingerechnet. Wer die Natur liebt, kommt auf seine Kosten. Wer schnell vorankommen will, verzweifelt an Baustellen, noch nicht fertig gestellten Autobahnen und Landstraßen in teils gefährlich schlechtem Zustand. Der beschwerliche Weg ist symptomatisch für die vielen noch nicht abgeschlossenen Arbeiten, die das Land bis zur EM 2012 noch bewältigen muss.
Die Entfernungen sind für eine Europameisterschaft gigantisch. Zwischen Danzig, dem nördlichsten Spielort Polens, und Donezk, dem südlichsten Spielort in der Ukraine, liegen 1800 Kilometer. Viele Fans setzen trotzdem darauf, die meisten Strecken mit dem Auto zu bewältigen – auch aus Kostengründen. Doch den Anhängern droht ein logistisches Desaster. Denn weder heute noch in einem Jahre werden alle Spielorte über Autobahnen vollständig miteinander verbunden sein. Zwar sind einige Teilstücke aktuell im Bau, doch der Fokus der Organisatoren liegt woanders. "Wir sind uns sicher, dass der Großteil der Menschen, die zwischen den Spielorten pendeln werden, auf den Flugverkehr setzen", sagt Marcin Herra, Präsident des polnischen Organisationskomitees gegenüber t-online.de.
Hunderttausende Zuschauer sollen täglich per Flugzeug quer durch Polen und die Ukraine fliegen? Abgesehen davon, dass sich viele Fußballfans diese Variante kaum leisten können, hat selbst Präsident Herra scheinbar Zweifel, ob die Flughäfen mit der Mehrzahl der Reisenden klar kommen werden. "Die polnischen Flughäfen werden gewappnet sein", sagte er selbstbewusst, um aber einzuschränken: "Inwieweit die Ukraine darauf vorbereitet sein wird, können wir allerdings nicht beurteilen." Im Klartext sind sich die EM-Ausrichter nicht sicher, ob sie den Ansturm der Fans tatsächlich bewältigt bekommen. Da hilft es auch nichts, dass in den Spielorten der öffentliche Nahverkehr ausgebaut wurde. Erst einmal müssen die Fans überhaupt in den Städten ankommen.
Einmal vor Ort soll sich, so der Wunsch der polnischen Organisatoren, ein positives Bild des modernen Polens einstellen. "Unsere Stadien werden den höchsten europäischen Ansprüchen gerecht", ist sich Herra sicher. Lassen wir die aktuellen Meldungen Revue passieren, macht sich Ungläubigkeit breit. Nur das Stadion in Posen ist fertig. In Breslau, Danzig und Warschau liegen die Bauarbeiten weit hinter den Zeitplänen zurück. Die Zeitungen in Polen überschlagen sich in Anschuldigungen, vor allem rund um den Neubau des Warschauer Nationalstadions. Die Spekulationen reichen von einem Teilabriss bereits installierter Treppenkonstruktionen bis hin zum Rechtsstreit mit den verantwortlichen Baufirmen und einem damit verbundenen Streik der Arbeiter auf der Baustelle.
Marcin Herra will das nicht näher kommentieren. Nur so viel: "Wir haben die Baufirma aufgefordert, umgehend eine Lösung für das Problem zu erarbeiten." Es bestehe aber "überhaupt keine Gefahr", dass das Stadion bis zur EM fertig wird. "Wir werden alle notwendigen Sicherheitstests vor dem Turnier durchführen können."
Die Sicherheit der Stadien als Bauwerke ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Die andere sieht so aus: "Wenn wir nicht im Stande sind, die Sicherheit der Menschen in unseren Stadien zu garantieren, dann ist die Austragung der EM gefährdet." Gesagt hat das Donald Tusk, der polnische Premierminister. Gemeint hat er die ausufernde Gewalt von Fußball-Fans in seinem Land. "Das Hooligan-Problem ist nicht nur ein Problem in Polen, sondern in ganz Europa“, wehrt sich Herra und versucht, die brutalen Bilder der vergangenen Wochen nicht noch weiter in den Vordergrund zu bringen.
Doch damit verkennt er das Ausmaß der Gewalt, das sich zwischen Oder und Weichsel in den vergangenen Monaten immer weiter zugespitzt hat. Polnische Polizisten geben offen zu, Angst vor den Hooligans im eigenen Land zu haben. Die gewaltbereiten Fans machen sich über das gerade erst eingeführte Hooligan-Gesetz lustig, der Strafenkatalog war ihnen auch vorher schon vollkommen gleichgültig. Und auch Herras harter Kurs wird sie kaum davon abhalten, weiter auf Konfrontation mit den Autoritäten in Polen zu gehen. "Wir werden eine Null-Toleranz-Politik fahren. Und damit meine ich wirklich null Toleranz", kündigt Herra an. "Wir sind überzeugt, dass wir die Sicherheit unserer Gäste garantieren können." Doch es klingt wie ein Hilferuf, was Herra dann an die Adresse der UEFA und ihren Präsidenten Michel Platini richtet. „Nach polnischem Recht ist für die Sicherheit der Ausrichter selbst verantwortlich, nicht der Staat.“
Quelle: t-online.de
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