18.11.2010, 16:23 Uhr | sid
Fabio Capello trägt während des Spiels seines Teams eine Baseball-Kappe, die ihm zum Verhängnis wird. (Foto: Reuters)
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Wenn die Schlagzeilen in den englischen Medien ein Stimmungsbarometer für das Fußball-Mutterland sind, dann muss Fabio Capello ernsthaft um seinen Job als Teammanger der Three Lions bangen. Der Italiener wurde nach der 1:2-Heimniederlage im Duell der WM-Versager zwischen England und Frankreich verhöhnt wie einst Steve McClaren. Der heutige Coach des VfL Wolfsburg erhielt nach der verpassten EM-Qualifikation und der Schlagzeile "Der Trottel mit dem Regenschirm" seine Papiere, jetzt wurde Capello ähnlich verspottet. "Der Trottel mit dem Hut", titelte das Boulevardblatt "The Sun" über Capello, der das Spiel mit einer Baseball-Kappe verfolgt hatte.
Auslöser der Sticheleien war weniger die erste Heimniederlage in der fast dreijährigen Amtszeit des italienischen Fußballlehrers, sondern vielmehr das Aus von Mittelfeld-Star Steven Gerrard in der 85. Minute. Der Kapitän des FC Liverpool zog sich eine Verletzung an der Kniesehne zu und wird den Reds bis zu vier Wochen fehlen. Eigentlich hatte Capello mit Gerrards Klub verabredet, den stressgeplagten 30-Jährigen bereits nach einer Stunde vom Platz zu nehmen.
Liverpools Fitnesscoach Darren Burgess flippte völlig aus und ließ auf dem sozialen Netzwerk "Twitter" Tiraden gegen Capello und den englischen Verband FA ab: Wörter wie "amateurhaft", "unglaublich" und "eine Schande" waren da zu lesen, bis seine Kommentare gelöscht wurden. Capello musste sich nach dem Spiel rechtfertigten. "Durch die Verletzungen von Gareth Barry und Rio Ferdinand brauchten wir einen älteren Spieler auf dem Feld. Es tut mir leid für Gerrard", sagte Capello: "Aber der Verein kann nicht entscheiden, wie lange ein Spieler für das Nationalteam spielt. Ich habe lediglich gesagt, ich werde es versuchen."
Doch die Luft dürfte für den ehemaligen Erfolgstrainer von Real Madrid, Juventus Turin und des AC Mailand dünn werden. Zumal sein Experiment, jungen Spielern angesichts der zahlreichen Ausfälle eine Chance zu geben, scheiterte. Kapitän Ferdinand ging spürbar auf Distanz zum "Jugend forsch"-Konzept seines Trainers: "Bei einer Blutauffrischung muss immer die Mischung stimmen, und das ist die Aufgabe des Coaches."
Ganz anders war die Stimmung bei den Franzosen, die sich mit dem verdienten Prestige-Erfolg dank der Treffer von Karim Benzema (13.) und Mathieu Valbuena (55.) weiter Kredit bei den Fans erspielten. "Wir haben das Mittelfeld beherrscht und es so den Engländern schwer gemacht", lobte Nationaltrainer Laurent Blanc. Den Gegentreffer erzielte der für Gerrard eingewechselte Stürmer Peter Crouch (86.).
In den heimischen Medien hielt sich die Begeisterung in Grenzen, zu sehr schmerzt noch immer das von etlichen Skandalen begleitete Vorrunden-Aus bei der WM in Südafrika. "Frankreich will gegen stärkere Teams spielen. Aber ist dieses unerfahrene Team aus England wirklich besser als Bosnien oder Weißrussland? Hat das französische Team nicht vielleicht seine Zeit vergeudet?", schrieb die Sporttageszeitung "L'Equipe".
Quelle: sid
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