27.04.2009, 12:35 Uhr
Eine Analyse von Jörg Runde
Jürgen Klinsmann und Lucio. (Foto: imago)"Es ist vollbracht." So oder so ähnlich soll es in einer SMS gestanden haben, die ein TV-Reporter von einem Bayern-Spieler nach der Entlassung von Jürgen Klinsmann bekommen hat. Die Wortwahl verwundert nicht, im Gegenteil: Sie symbolisiert die Tiefe des Grabens, der sich zwischen den Münchner Profis und ihrem Coach zuletzt aufgetan hat. Kaum ein Spieler hielt noch zu Klinsmann, kaum einer glaubte an ein positives Ende.
Und so war der Rausschmiss folgerichtig. Schließlich droht der Rekordmeister nicht nur den Meistertitel zu verspielen, viel schlimmer noch, auch die lukrative Champions League zu verpassen.
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Doch wie kam es zu diesem unrühmlichen Ende? Welche Fehler muss sich Klinsmann vorwerfen? Schon mit seiner ersten Aussage, er wolle jeden Spieler, jeden Tag ein bisschen besser machen, sorgte er im Team für Unmut. Ist das nicht generell die Aufgabe eines Trainers, fragten sich Schweinsteiger, Podolski und Co. in der Kabine. Und was hatte denn Klinsmanns Vorgänger Ottmar Hitzfeld bei der täglichen Trainingsarbeit für ein Ziel. Die Profis in die Stagnation führen? Klinsmanns Selbstvermarktungssprüche kamen von Beginn an nicht gut an. Die Spieler waren von Hitzfeld fachlich nüchterne Analysen und klare taktische Anweisungen gewöhnt. Noch heute schwärmen die Spieler vom respektvollen und klar strukturierten Auftreten des "Generals". Klinsmann konnte dieses Niveau nie erreichen. Sein Spielsystem konnte er nie richtig vermitteln. Und anders als in der Nationalmannschaft, wo Joachim Löw als taktischer Vordenker ihm diese Aufgabe abnahm, konnte Assistent Martin Vasquez nie die Vermittlerrolle übernehmen.
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Übel nahmen die Spieler Klinsmann dessen Schlingerkurs im Umgang mit ihnen. Eine klare Linie in Personalfragen war nie zu erkennen. Mit Lukas Podolski fing es an. Der sah sich nach einer starken EM zurecht auf einem guten Weg auch beim FC Bayern Stammspieler zu werden. Sein neuer Vereinstrainer und ehemaliger Förderer im Nationaldress erstickte die aufblühenden Hoffnungen aber gleich wieder im Keim. "Podolski ist Stürmer Nummer drei", betonte Klinsmann. Prinz Poldi bekam keine echte Chance mehr und forcierte von diesem Moment an seine Rückkehr zum Herzensverein 1. FC Köln.
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Weniger klar ging Klinsmann in den anderen Mannschaftsteilen vor. Mark van Bommel zum Beispiel machte er erst zum Kapitän, um seinen Posten im defensiven Mittelfeld dann mit Andreas Ottl zu besetzen. Der stolze Niederländer kämpfte sich zwar zurück ins Team, vergaß seinem Trainer die Demütigung aber nie. "Nur wenn ich muss", sagte van Bommel vor kurzem auf die Frage, ob er sich mit dem Coach austausche.
Ähnlich ging es in der Abwehr zu. Mal spielte Demichelis, mal Breno, mal van Buyten und mal Lucio. Vor allem den Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft nervte dieses Wechselspiel und die daraus resultierende Gegentorschwemme. Das 2:5 gegen Bremen und das 3:3 sind nur zwei Stationen. Lucio sprach mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge und die sprachen mit Klinsmann. Die Folge: Klinsmann baute fortan auf das Gerüst, das Vorgänger Hitzfeld einen souveränen Gewinn des Doubles bescherte. Die Zeit der Rotation war vorbei und der FC Bayern startete mit dem 1:0-Erfolg in Karlsruhe eine Aufholjagd. Zur Winterpause stand der FC Bayern punktgleich mit Herbstmeister 1899 Hoffenheim auf Rang zwei und er hatte scheinbar wieder ein Konzept.
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Der FC Bayern hatte aber auch viele unzufriedene Spieler. Tim Borowski wunderte sich zum Beispiel, warum er gar keine Chance mehr bekam. Auch Innenverteidiger van Buyten muckte auf. Nach zum Teil herausragenden Leistungen musste der Belgier zurück auf die Bank. Weder er selbst, noch sein größter Freund und Fürsprecher Franck Ribéry, konnten das verstehen.
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Die Krönung seines unvollendeten Personalpuzzles war die Demontage von Torwart Michael Rensing. Ihn machte Klinsmann nach dem 1:5 in Wolfsburg zum Bauernopfer. Hans-Jörg Butt rückte beim 0:4-Debakel in Barcelona zwischen die Pfosten. Und statt sich an sein Versprechen zu halten, Rensing in der Bundesliga gegen Frankfurt wieder zu bringen, ließ er Butt weiterspielen. Die Teamkollegen hielten offiziell still, erklärten aber hinter vorgehaltener Hand ihre Solidarität mit Rensing. Der endgültige Bruch mit dem Coach war perfekt.
Immer häufiger kamen Interna an die Öffentlichkeit. So soll sich Ribérys Berater im Auftrag seines Mandaten bei Hoeneß über die Arbeit des Trainers beschwert haben. Ribérys Leistung und seine Körpersprache im Spiel gegen Schalke sprachen Bände. Sein Frustfoul, das zum Platzverweise führte, war ein letztes Alarmzeichen, das Hoeneß und Rummenigge endgültig zum Umdenken bewegt haben dürfte. Mit ihrem Superstar wollen sie es sich beim FC Bayern natürlich nicht verscherzen. Und so haben die Spieler am Ende den Machtkampf gewonnen. Das Alibi Klinsmann sind sie allerdings los, jetzt muss das Team am kommenden Samstag gegen Mönchengladbach zeigen, dass es wirklich am Trainer lag.
Quelle: t-online.de
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