06.09.2010, 19:34 Uhr | t-online.de
Eine Kolumne von Jonny Giovanni
Das Warum war nicht sofort ersichtlich, als die Uefa vor zwei Jahren eine Aufstockung der EM ab 2016 beschloss. 24 Startplätze für 53 Nationen? Noch mehr Langeweile in der Qualifikation, weil sich sowieso fast jeder durchsetzt? Jetzt endlich kennen wir den tieferen Sinn der Maßnahme: Frankreich soll auch künftig eine Chance haben, ab und an mal bei einem Turnier mitspielen zu dürfen. UEFA-Präsident Michel Platini ist schließlich nicht umsonst Franzose. Er muss das ganze Desaster schon im Sommer 2008 geahnt haben. Damals schied sein Land sang- und klanglos in der EM-Vorrunde aus, die Nation wähnte sich am Tiefpunkt. Inzwischen weiß sie: es geht noch viel tiefer. Zur WM 2010 leistete das gallische Theater um 23 streikende Diven und einem Obergockel auf der Trainerbank einen nicht minder unvergesslichen Beitrag als die Vuvuzelas. Es folgten Prozesse und Sperren, und zum Beginn einer vermeintlich neuen Ära: ein 0:1 zuhause gegen Weißrussland.
Bei Tabellenführer Bosnien darf man nun auf keinen Fall verlieren, denn 2012 wird noch ein letztes Mal mit 16 Teams gespielt. Nur der Gruppensieger qualifiziert sich direkt, der Zweite muss in die Play-offs. So oder so, das Land, gegen den dieses Frankreich gewinnen kann, muss auf dem Alten Kontinent auch erst mal gefunden werden. 2010 gelang bisher nur ein Sieg gegen Costa Rica.
Platini also wusste es schon vorher, er sagte bereits vor der WM, dass Frankreich momentan über keine außergewöhnliche Generation von Fußballern verfüge. Der neue Kapitän Florent Malouda verwob diese Prophezeiung nach dem Weißrussland-Desaster in eine furiose Selbstanklage: "Es ist keine Schande, das zu sagen: Ja, wir sind keine große Generation." Doch der Chelsea-Spieler deutete auch an, dass nicht nur sportlich, sondern nach wie vor auch charakterlich etwas nicht stimmt. "Wir müssen das Verlieren hassen. Wir brauchen ein Gefühl von Revolte. Das muss aufhören, diese ganzen Niederlagen."
Ironischerweise benutzte Malouda tatsächlich das Wort Revolte, als ob es nicht genau eine solche gewesen wäre, die mitverantwortlich zu der aktuellen Lage geführt hat. Denn auch wenn in Frankreich die Talente nicht minütlich aus dem Boden schießen, hat man doch zum Beispiel einen Linksverteidiger, Patrice Evra, der als einer der besten Außenläufer der Welt gilt. Einen Spielmacher, Yoann Gourcuff, der noch vor wenigen Monaten in der Champions League brillierte. Und einen Dribbler, Franck Ribéry, den noch vor einem Jahr halb Europa verpflichten wollte. Das ist durchaus eine Besetzung, von der andere Nationen momentan nur träumen können. Italien zum Beispiel.
Doch, ach ja, von den Genannten war gegen die Weißrussen keiner dabei und sie werden auch in Bosnien fehlen. Alle sind gesperrt. Gourcuff auf konventionelle Weise, weil er im letzten WM-Gruppenspiel gegen Südafrika die Rote Karte sah. Evra und Ribéry hingegen nach Urteil ihres eigenen Verbandes, weil sie am Kap wohl zu den Rädelsführern gehörten. Unter anderem sollen sie dabei auch Gourcuff gemobbt haben, weshalb dessen Nerven womöglich so gereizt waren, dass er dann die Rote Karte … und so fort. Das größte Problem der französischen Nationalelf ist nicht ein Mangel an Qualität. Es ist ihre jahrelange Arroganz und ihr beachtliches Talent zur Selbstzerstörung.
Wie bei der WM 2006, als der ach so große Zinedine Zidane seinen Kopf in den Bauch von Marco Materazzi rammte, damit wahrscheinlich den WM-Titel verspielte und doch wie ein Held gefeiert wurde. Spätestens jetzt mussten die Spieler davon ausgehen, dass sie wirklich mit allem durchkommen. Bei der EM 2008 wurde munter gestritten und gemobbt, die alten gegen die jungen Spieler, und alle gegen den Trainer. Der, Raymond Domenech, blieb trotz erwiesener Unfähigkeit auch zur WM 2010 im Amt, für die man sich nur durch ein vorsätzliches Handspiel des ach so großen Thierry Henry qualifizierte. Im Nachhinein dürften es alle Franzosen bitter bereuen, denn wie gern hätten sie letztlich eine WM ohne ihre eigene Truppe gesehen?
Und wer konnte schon ahnen, dass es nach Turnierende nur noch absurder werden sollte? Präsident Nicolas Sarkozy bestellte, ausgerechnet, Henry in den Elysée-Palast, um sich erklären zu lassen, wie es bei den "Bleus" nur zu so einem Sittenverfall kommen konnte. Der Fußballverband sperrte in Evra und Ribéry seine besten Spieler, als ob die nächsten Resultate ganz egal wären, weil Frankreich wegen seines komödiantischen Potenzials automatisch für dieEM 2012 qualifiziert ist. Und der neue Trainer, Laurent Blanc, sprach zwar viel über Moral und neue Demut, lud dann aber, ausgerechnet, Zidane ins Trainigslager ein, um seinen Jungs mal näher zu bringen, was ein echtes Vorbild ist.
Blanc hat den Schalter bislang nicht umlegen können. Für das wichtige Spiel in Bosnien bedeutet es außerdem wenig Gutes, dass seine Trainerkarriere ein serielles Resultatsmuster aufweist. Bei Girondins Bordeaux verlor er zunächst fast jedes Spiel. Dann gewann er fast jedes, das Team wurde 2009 überraschend Meister und zog auch in der folgenden Spielzeit davon, zur Saisonhälfte hatte man neun Punkte Vorsprung. Am Ende reichte es mit 14 Punkten Rückstand nicht einmal für den UEFA-Cup.
Das Selbstbewusstsein des Trainers Blanc hat auch das erschüttert, im Moment ist er vor allem Melancholiker: "In ein paar Monaten oder vielleicht nie", antwortete er auf die Frage, wann der französische Erneuerungsprozess erfolgreich abgeschlossen sein wird. Fatalismus und die Lust an der Katastrophe begleiten Frankreich auch nach Bosnien. Ein 0:0, sagen Trainer wie Spieler, wäre ein tolles Resultat.
Quelle: t-online.de
mr xO schrieb:
am 7. September 2010 um 23:10:30
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Beitrag
Ich finde diesen Beitrag äußerst schlecht und der Autor soll nicht Zinedine Zidane in Frage stellen .Er ist zweifelsohne mit
Platini der beste französische Fussballer aller Zeiten.
Frankreich packt das schon
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Max schrieb:
am 7. September 2010 um 15:41:22
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Au Mann
Also erstmal Zidanne reagierte mit seinem Kopfstoß auf die Provokationen Materazzis und traff ihn an der Brust und nicht im Bauch.
Materazzi lies sich übrigens extrem theatralisch fallen. Was den Erneuerungsprozess der Franzosen betrifft, das doch deren Ding, wieso wird sich nu darüber das Maul zerrissen? Auch wir hatten unseren Domenech - erinnert euch mal an Berti Vogts - also Ball flachhalten. Jaja, der Vogts wurde Europameister... war damals eher unvermeidlich bei den individual Spielern...
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Michael schrieb:
am 7. September 2010 um 14:32:24
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nicht mehr überraschend
Frankreich hatte bei der WM seinen Tiefpunkt. Niemand kann nach dem daraufhin fälligen Umbruch erwarten, dass
Frankreich danach ganz schnell wieder oben ist. Man muss nicht überrascht sein, wenn Frankreich die EM-Qualifikation verpasst. Das wäre nach alledem logisch. Das ist keine große Geschichte mehr. Jeder weiß: Frühestens ab 2012 wird mit Frankreich halbwegs wieder zu rechnen sein, mit dann komplett erneuerter Mannschaft. Mit Titeln aber wird es sehr lange nichts mehr.
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