22.04.2009, 21:35 Uhr
Erst feierten sie auf dem heimischen Sofa, dann gab es eine standesgemäße Titelparty mit Meisterwelle und Feuerwerk: In der größten Krise der Vereinshistorie schreiben die Profis des THW Kiel Handball-Geschichte. Unbeirrt von allen Verbalattacken der Konkurrenz und den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen im angeblichen Manipulationsskandal spazierte der Rekordmeister durch die Bundesliga und konnte den Titel so früh feiern wie kein anderer Club jemals zuvor.
"Die Art und Weise dieses Titels war schon beeindruckend", sagte Kapitän Stefan Lövgren nach dem vorzeitigen Gewinn der 15. Meisterschaft.
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Dass der THW schon vor dem 36:28 (17:14)-Sieg im Heimspiel gegen die HSG Wetzlar, das mit einem kleinen Feuerwerk eröffnet und von den 10.250 begeisterten Zuschauern zu einer Handball-Party gemacht wurde, als alter und neuer Champion feststand, verdankte er dem Erzrivalen SG Flensburg-Handewitt. Nach dessen 32:28-Erfolg gegen THW-Verfolger HSV Hamburg durften sich die Kieler Akteure am Dienstagabend vor dem Fernseher freuen. "Auf dem Sofa zu Hause Meister werden - das ist 'mal etwas Besonderes", sagte Lövgren den "Kieler Nachrichten". Dass nun nur kurz gefeiert wurde, um sich voll auf den Saisonendspurt in der Champions League und im DHB-Pokal konzentrieren zu können, zeigt den Erfolgshunger der Norddeutschen: Wie 2007 peilt der deutsche Rekordmeister das Triple an.
Hamburgs Klubboss Andreas Rudolph zollte dem Nordrivalen Respekt, sorgte aber wieder für Unmut bei den Kielern. Zwar sei deren Titel "mehr als verdient". Doch: "Wenn es sich herausstellen sollte, dass an der Manipulationsaffäre wirklich etwas dran ist, dann bin ich der Meinung, dass der THW Kiel weder in Europa noch in Deutschland straffrei davonkommen kann", sagte Rudolph der "Sport Bild".
Der HSV-Chef muss aber wohl zugeben, dass die Dominanz der Kieler Konjunktur hat: Der fünfte Titel in Serie, ebenfalls einmalig, unterstreicht die Ausnahmestellung der Zebras. "Es ist wichtig, dass die Erfolgsgeschichte auch mit mir fortgesetzt wird", betonte der isländische Trainer Alfred Gislason. Gleich in seiner Premierensaison führte der Nachfolger von Zvonimir Serdarusic die Kieler trotz aller Turbulenzen zu weiteren Bestmarken: 47 Partien blieb der THW saisonübergreifend unbesiegt, 27 Erfolge nacheinander sorgten für Langeweile im Meisterrennen. Einen weiteren Rekord können die Gislason-Schützlinge noch knacken: Seit Einführung der 18er-Liga in der Saison 1999/2000 führt die Punkteausbeute von 62:6 Zählern (Lemgo 2003, Kiel 2005 und 2006) die Meister-Statistik an. Diesen Wert kann der THW (57:3) ebenfalls noch steigern.
Wichtiger als alle Bestmarken ist für die Kieler aber der Ausbau des Trophäenschranks. "Zwei Möglichkeiten haben wir noch", rechnete Lövgren vor. Dabei könnten ausgerechnet die Rhein-Neckar Löwen, deren Gesellschafter Jesper Nielsen sich zum Chefankläger in der angeblichen Manipulationsaffäre aufgeschwungen hat, zweimal zum Stolperstein werden: In der Königsklasse empfängt der THW am Sonntag die Mannheimer zum Halbfinal-Hinspiel. Im Mai kommt es auch im Final-Four-Semifinale um den DHB-Pokal zum Duell mit den Löwen.
Vor dem angestrebten goldenen Mai ist es besonders bitter für Gislason, dass sein Team von akuten Personalnöten geplagt wird. Gleich sieben Profis sind verletzt oder angeschlagen, darunter Welthandballer Nikola Karabatic. Zumindest kann er nun seinen maladen Topstars in der Bundesliga die eine oder andere Verschnaufpause gönnen - dafür haben frühzeitig die Flensburger gesorgt. "Ich bin froh, dass wir auch mal den Meistermacher spielen konnten", sagte SG-Manager Fynn Holpert nach dem Sieg gegen Hamburg. Linksaußen Lars Christiansen widersprach: "Nicht wir haben Kiel zum Meister gemacht, das waren sie selber. Kiel war die beste Mannschaft."
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Quelle: dpa
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