22.07.2010, 08:27 Uhr | t-online.de
Timo Glock (li.), Sebastian Vettel (Fotos: xpb.cc) (Quelle: xpb)
Von Elmar Brümmer
Die Fußball-WM ist (fast) schon Geschichte, die Formel 1 startet mit dem Großen Preis von Deutschland aber erst richtig in die zweite Saisonhälfte durch. Anlass genug, vor dem Heimspiel in Hockenheim die sechs hiesigen Piloten einer Einzelkritik zu unterziehen.
Für die entscheidenden neun Rennen hilft nur noch die bedingungslose Offensive, auch wenn sich bislang nur Sebastian Vettel berechtigte Titelhoffnungen machen darf. Immerhin, in der - imaginären - Länderwertung führt Deutschland noch mit 284:278 gegen England. Allerdings treten die Briten auch nur mit zwei Mann an...
Sebastian Vettel (Foto: xpb.cc)Trainingsweltmeister darf sich das Red-Bull-Team schon nennen, aber der Rennstall von Sebastian Vettel setzt die Achterbahnfahrt der Gefühle aus dem letzten Jahr munter fort, sonst hätte der Heppenheimer schon weit mehr als 121 Punkte und WM-Rang vier erreicht. Aber ein Mix aus taktischen, technischen und menschlichen Fehlern raubt dem 23-Jährigen die Punkte und manchmal den Nerv. In Michael Schumacher hat Vettel, der in diesem Jahr ein letztes Mal die Chance hat, jüngster Weltmeister der Formel-1-Geschichte zu werden, einen prominenten Daumendrücker. Druck verspürt er ansonsten nicht, höchstens Motivation. Obwohl der Stallrivale Mark Webber einen Sieg mehr hat, ist Vettel auf Sicht die Nummer eins im Team. Sich im Intrigenspiel durchzusetzen ist der letzte Schritt zum Erwachsenwerden in der Formel 1.
Nico Rosberg (Foto: xpb.cc)Schumi im Griff zu haben, das ist noch keinem Teamkollegen des Rekordweltmeisters gelungen. Für Nico Rosberg, obwohl mit dem gleich zickenden Silberpfeil wie der Rekordweltmeister ausgerüstet, scheint das kein großes Ding zu sein. Der WM-Sechste mit 90 Punkten hat das Titelrennen noch nicht abgeschrieben. Aber auch der Wiesbadener weiß, dass der richtige Angriff erst im nächsten Jahr kommt. Immerhin, drei dritte Plätze taugen zur Emanzipation. Rosberg ist unauffälliger geworden als zu Lehrzeiten bei Williams, allerdings fährt der 25-Jährige auch weit effizienter als früher. "Findungsprozess" nennt er das Stadium, in dem sich Auto, Fahrer und Team gerade noch befinden. Bloß keine Angst vor der eigenen Courage.
Michael Schumacher (Foto: xpb.cc)Das Titelrennen ist abgehakt, die Saison aber noch nicht. Denjenigen, die dem zum leichten Überholopfer gewordenen Rekord-Weltmeister die verlorene Magie bescheinigen, muss bewusst sein: Ein Zauberer war Schumi nie, aber immer ein harter Arbeiter. Und deshalb ist dem 41-Jährigen herzlich egal, dass niemand von außen seine derzeitige Zufriedenheit so richtig verstehen kann, bei WM-Platz neun mit 36 Punkten. Schumacher misst sich nicht an seinen sieben Titeln oder dem letzten Hockenheim-Triumph 2006, er richtet sich nach den eigenen Erwartungen fürs Comeback: "Ich fühle mich nach wie vor sehr jung, sehr frisch, sehr motiviert und bin sehr positiv gestimmt." Ist das nicht ein bisschen sehr bemüht? In der Tat, drei Jahre Pause merkt man ihm beim Fahren nicht an, auch wenn Auto, Reifen und Fahrstil nicht so richtig harmonieren. Seine angeborene Ungeduld treibt ihn nach vorn, für 2011 ist der Titel fest eingeplant.
Auf dem Hockenheimring kommt es diesmal zum großen Schaulaufen der deutschen Fahrer. zum Video
Adrian Sutil (Foto: xpb.cc)Forsch war Adrian Sutil schon immer, vor allem in seinem Auftritt neben der Piste. Auf der Piste aber war der Gräfelfinger in diesem Jahr so forsch wie noch nie, WM-Platz zehn mit 35 Punkten sind der verdiente Lohn. Der immer stärker werdende Force-India-Wagen mit einem Mercedes-Leihaggregat im Heck beflügelt das Ego des 27-Jährigen auch sportlich. Vom Crash-König ist er zu einem regelmäßigen Punktelieferanten herangewachsen, zuletzt sechsmal in Folge. Vor allem hat er bewiesen, dass er seine Position auch gegen stärker eingeschätzte Fahrer verteidigen kann, ob die Hamilton, Alonso oder Schumacher heißen. Sutils späte Emanzipation ist die eigentliche Überraschung innerhalb der deutschen Sechs. Ein Mann will nach oben.
Nico Hülkenberg (Foto: xpb.cc)So ändern sich die Erwartungshaltungen: In der ersten Formel-1-Saison schon zweimal einen Punkt geholt zu haben, galt vor ein paar Jahren beinahe als Sensation. Nico Hülkenberg hat mit seinen beiden Ehrenzählern zumindest bewiesen, dass in ihm das Potenzial steckt, dass sich Teamchef Frank Williams und Manager Willi Weber versprochen haben – aber der 22-Jährige selbst ist sein größter Kritiker. Er hat keinerlei Anpassungsschwierigkeiten in der Königsklasse, obwohl er mit Rubens Barrichello einen zähen Teamkollegen hat. Der junge Mann, den sie nur "Hulk" nennen, hadert mit den eher mäßigen Leistungen des Williams-Rennwagens, den er von Nico Rosberg übernommen hat – damit kommt er vom Start weg hinten kaum raus. Das mag so gar nicht zu seinem Ehrgeiz und Perfektionismus passen. Aber die eigene Unzufriedenheit ist der beste Antrieb.
Timo Glock (Foto: xpb.cc)Null Punkte, Schlusslicht der WM-Tabelle. Das hat Timo Glock nicht verdient. Der Wechsel zum Teamfrischling Virgin war ein Karriererückschritt für den 28-Jährigen, und stellt die Tapferkeit des Odenwälders zweiwöchentlich auf eine harte Probe. Einer der besten Zweikämpfer der Formel 1 ist auf der Restrampe gelandet. Glock holt wie gehabt alles aus sich heraus, aber Befriedigung im Duell der Hinterbänkler zu finden, ist eine Frage der Motivation. Es ist ein Rennen gegen die Resignation. "Wir machen Fortschritte, die niemand erkennt", klagt Glock. Sein Rennstall will ihn halten, er ist aber auch bei anderen im Gespräch. Nicht zum ersten Mal gilt für ihn: Du hast keine Chance, aber nutze sie.
Quelle: t-online.de
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