31.03.2011, 09:19 Uhr
Zwischen den Klubs von Wesley Sneijder von Inter Mailand und Milans Clarence Seedorf besteht eine gesunde Rivilität. (Quelle: imago)
Eine Kolumne von Jonny Giovanni
In vielen Städten mit mehr als einem größeren Fußballverein gibt es eine bestimmte Art wirkungsmächtiger Legenden. Zunächst harmlose Episoden, die freilich den Lauf der Geschichte veränderten. Wer weiß zum Beispiel schon, ob in München heute der TSV 1860 um seinen Fortbestand zittern müsste, wenn nicht einer seiner Jugendspieler vor vielen Jahrzehnten zu einer Watsche gegen den damals 13-jährigen Franz Beckenbauer ausgeholt hätte. Der spätere Kaiser entschied sich aufgrund dieses Vorfalls gegen den geplanten Wechsel zu 1860 – und ging stattdessen zu den Bayern, die damals eher die Nummer Zwei der Stadt waren, es aber bekanntermaßen nicht mehr allzu lange bleiben sollten.
In Mailand erzählen sie eine nicht ganz unähnliche Geschichte. Danach soll Giuseppe Meazza eigentlich zunächst eine Karriere beim AC Milan angestrebt haben – er fiel dort jedoch beim Probetraining durch. Und so stieg der glamouröse Stürmer eben im Dienste des Lokalrivalen Inter zum ersten großen Fußballstar Italiens auf. Drei Meistertitel gewann er und verhalf Inter als Gesicht der Weltmeisterteams von 1934 und 1938 zu landesweiter Popularität, während der AC bis Anfang der 1950er eine Periode von über 40 Jahren ohne Scudetto durchlief.
Das Ende der Geschichte ist dennoch ein ganz anderes als in München. Denn Vorkommnisse wie die um Meazza begründeten immer nur ein temporäres Übergewicht einer Mannschaft. Langfristig kehrten die Mailänder Klubs stets auf Augenhöhe zurück. Diesen Samstag begegnen sie sich mal wieder ganz besonders unter Gleichen. Im Duell Erster (Milan) gegen Zweiter fällt eine Vorentscheidung über den Titel.
Bei den großen europäischen Derbys gibt es diese Ausgeglichenheit allenfalls noch in Glasgow. Doch von dem konfessionell aufgeladenen Identitätskampf in der schottischen Industriestadt unterscheidet sich das Mailänder Stadtduell in anderer Hinsicht umso deutlicher – man begegnet sich auf vergleichsweise freundschaftlicher Ebene. Bestes Beispiel ist die geteilte Spielstätte. Was in Glasgow, aber auch Madrid, Manchester oder Lissabon undenkbar wäre und was in München erbitterte Diskussionen verursacht, ist in Mailand seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. In der Arena werden sogar Fanshop und Museum gemeinsam betrieben.
Dass der Tempel im Stadtteil San Siro offiziell auch noch Giuseppe-Meazza-Stadion heißt, unterstreicht die ungewöhnliche Toleranz. Milan akzeptiert einen Inter-Mythos als Namenspatron – weil Meazza gegen Ende seiner Karriere dann doch noch zwei Jahre für den AC spielte. Ihm haben es später viele andere Größen nachgetan. Roberto Baggio, Clarence Seedorf oder Ronaldo sind nur eine Auswahl derjenigen, die im Laufe ihrer Karriere sowohl das blauschwarze Inter-Trikot als auch das rotschwarze Milan-Dress überstreiften. Daneben trainierten schon sieben Trainer beide Klubs. Wie Inters aktueller Übungsleiter Leonardo, der zuvor über ein Jahrzehnt als Spieler, Funktionär und Coach beim AC angestellt war.
Womöglich rührt diese eher entspannte Form der Rivalität daher, dass beide Vereine mal derselbe waren. Inter, mit vollem Namen: Internazionale, trennte sich 1908 vom Mutterklub, weil der keine ausländischen Spieler zulassen wollte. Fortan wurden die Blauschwarzen zum Verein für Kosmopoliten und generell eher von der Mittelschicht unterstützt. Milan entwickelte sich zum Klub der Arbeiter und süditalienischen Emigranten. Heute treffen diese Grenzen längst nicht mehr zu, wie Untersuchungen ergeben haben. Weder sozial noch politisch oder kulturell lassen sich die Anhänger beider Vereine auf irgendeine Weise kategorisieren.
Um die Brisanz braucht man sich am Samstag dennoch keine Sorgen zu machen, dafür steht sportlich genug auf dem Spiel. Milan will endlich die Vorherrschaft von Inter brechen, das seit 2006 sämtliche Meisterschaften abgeräumt hat und als Champions-League-Sieger amtiert. Allerdings waren die letzten Jahre auch für Milan insgesamt keineswegs schlecht, mit zwei Champions-League-Siegen 2003 und 2007. Ohnehin fällt auf, dass die Mailänder Klubs ihre großen Zeiten oft parallel hatten. In den 1960ern etwa, als beide je zweimal den Europacup der Landesmeister gewannen. Oder um 1990, als Milan mit seinem holländischen Dreigestirn Gullit, van Basten und Rijkaard brillierte, während Inter auf die Power seines deutschen Trios Matthäus, Brehme und Klinsmann setzte.
Bis heute ist Mailand die einzige Stadt, aus der zwei Sieger in Europas wichtigstem Klubwettbewerb hervorgegangen sind. Wer der etwas Bessere ist? National liegt Inter leicht vorn, mit 18:17 Meisterschaften und 6:5 Pokalsiegen. International jedoch hat die Internazionale mit 6:9 Titeln in den unterschiedlichen Europapokalen klar das Nachsehen.
Als Milan 2007 den letzten seiner sieben Titel im Landesmeistercup bzw. der Champions League eroberte (Inter: drei), erlaubte sich Mittelfeldspieler Massimo Ambrosini einen kurzen Hinweis auf diese kontinentale Überlegenheit, der zeigte, dass es bei aller Freundschaft auch in Mailand nicht ohne Spott gehen darf. Bei der Siegesfeier vor dem Dom erinnerte er daran, dass Inter in derselben Saison die italienische Meisterschaft gewonnen hatte. Ambrosini hielt ein großes Laken hoch: "Den Scudetto könnt ihr euch in den Hintern schieben".
Dieses Jahr würden sie das bei Milan nur zu gern selbst mal wieder machen.
Ein Tag vollgepackt mit Konditions- und Techniktraining. Das Sportkolleg und Marcel Reif-Ranicki blicken hinter die Kulissen. Video
Quelle: t-online.de
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