11.02.2011, 09:53 Uhr | t-online
Die Fans des FC Liverpool haben nie an Kenny Dalglish gezweifelt. (Foto: imago)
Von Jonny Giovanni
Es gab durchaus Skepsis und auch ein bisschen Spott, als Kenny Dalglish vor einem Monat zum Trainer des FC Liverpool berufen wurde. Zwanzig Jahre nach seinem plötzlichen Abgang beim englischen Rekordmeister und zehn Jahre nach seinem letzten Engagement erfuhr der 59 Jahre alte Schotte von seinem neuen, alten Job, während er durch den Persischen Golf tuckerte. Auf einem Kreuzfahrtschiff. Dem Verkehrsmittel für Rentner. Konnte es ein stärkeres Symbol geben für den vermeintlichen Anachronismus dieser Entscheidung?
Tatsächlich stöberte Dalglish vorige Woche tief in der Mottenkiste des Fußballs und kramte dabei ein System hervor, das jüngere Fans nur noch aus Enzyklopädien kennen. Gegen Stoke City und beim FC Chelsea verzichtete er auf die übliche Viererkette und ließ stattdessen mit drei Innenverteidigern spielen. So agierte etwa Deutschland, als es noch den Libero gab, und als großes Team zuletzt Brasilien bei der WM 2002. Doch Steinzeit-Vorwürfe musste sich Dalglish für seine Maßnahme nicht anhören. Im Gegenteil, die englischen Gazetten feierten ihn für sein Retro-Manöver als Genie.
Fußball ist eben ein Ergebnissport, und die Spiele hat Dalglish beide gewonnen – gerade wegen seiner überraschenden Aufstellung. Gegen Stoke, das britischste aller Premier-League-Teams, verhinderten seine drei robusten Stopper eine Lufthoheit des Gegners und neutralisierten damit dessen komplettes Angriffsarsenal. Noch deutlicher traten die Vorzüge bei der schweren Auswärtsaufgabe in Chelsea zu Tage. Das neue, auf dem Papier so imposante Sturmduo der Londoner, Didier Drogba und Fernando Torres, wurde von der Dreierkette zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Aus der kritischen Frage, ob einer wie Dalglish überhaupt noch auf dem neuesten methodischen Stand sein könne, wurde prompt die wohlwollende Beobachtung: Endlich halte sich mal einer nicht blind an die zeitgenössische Fußball-Lehre. "Womöglich hat Dalglishs Auszeit vom Trainerjob seine taktischen Optionen nicht limitiert, sondern erweitert“, schrieb der "Guardian".
Bei den Liverpool-Fans haben die jüngsten Resultate – vier Siege am Stück – riesige Euphorie ausgelöst. Nach miserablem Saisonstart unter Vorgänger Roy Hodgson und nur hauchdünnem Vorsprung auf die Abstiegsränge zu Jahresbeginn liebäugeln die Reds sogar wieder mit der Qualifikation zur Champions League. Vor dem Heimspiel gegen Wigan stehen sie auf Platz sechs, nur noch sechs Punkte hinter dem Vierten Chelsea. Da ist der zunächst so traumatische Abgang von Torres schon fast kein Thema mehr.
Anders als die allgemeine Öffentlichkeit haben die Anhänger des erfolgreichsten englischen Klubs (18 Meisterschaften, acht Euroapokale) nie auch nur einen Hauch an der Bestellung von Dalglish gezweifelt. Sie haben sie ja selbst herbei gesungen, seit er im Sommer angedeutet hatte, er könne sich ein Comeback vorstellen. In den trostlosen Tagen mit Hodgson war er der letzte Hoffnungsschimmer. "King Kenny", so nennen sie ihn an der Anfield Road. Mit ihm ging es Liverpool immer gut. Zunächst natürlich in seiner Epoche als Spieler.
Dalglish ist Schotte und hatte als solcher nie die Chance auf einen Titel mit der Nationalmannschaft, deshalb haben ihn auf dem europäischen Kontinent viele nicht mehr so in Erinnerung. Ein Zeitgenosse wie Franz Beckenbauer nannte ihn jedoch einmal "einen der besten Spieler in der Geschichte des Fußballs“ und vom renommierten englischen Fachmagazin "442" wurde Dalglish voriges Jahr zum besten britischen Angreifer der Nachkriegszeit gewählt. Ab 1977 spielte er für Liverpool, es war die Zeit totaler roter Dominanz. Auf der Insel mit zehn Meistertiteln zwischen 1975 und 1990 und in Europa mit vier Siegen im Europapokal der Landesmeister.
Seit 1985 arbeitete Dalglish dabei als Spielertrainer. Seine Mannschaften zeigten guten Fußball und sie hatten Erfolg. Zwar war man international nach der Heysel-Randale gesperrt, national jedoch ging die Trophäenjagd weiter – bis Dalglish im Februar 1991 nach einem 4:4 im Pokal beim Lokalrivalen Everton plötzlich seinen Rücktritt erklärte. Für Spieler, Präsidium und Fans war es ein Schock aus heiterem Himmel. Aber er konnte nicht mehr, er war ausgebrannt nach über 20 Jahren ununterbrochen im Geschäft. Er bekam die Gedanken nicht mehr frei von der Erinnerung an Heysel und vor allem an das aus Liverpooler Sicht noch viel traumatischere Stadiondesaster von Hillsborough 1989.
Bis heute plagt ihn wegen diesem hastigen Abgang ein schlechtes Gewissen, denn mit ihm endete abrupt auch die Glorie des FC Liverpool. Dalglish übergab das Team auf Platz eins, doch es reichte nicht zur Meisterschaft in jener Saison. Und auch danach nicht. Während Dalglish nach seinem Comeback 1995 die Blackburn Rovers zum Titel führte, blieb Liverpool bei seinen 18 Titeln. Mit der Rückkehr des Königs soll dieser Fluch jetzt endlich gebannt werden.
Dalglish hat die Stimmung schon gedreht. Anders als seine Vorgänger Hodgson und auch Rafael Benítez jammert er nicht über finanzielle Nachteile oder einen unausgeglichenen Spielerkader. Er vermittelt vielmehr die traditionellen Werte des Klubs – Stolz, Selbstbewusstsein, Solidarität. Entsprechend klaglos handelte er den Verlust von Torres ab. "Keine einzelne Person ist wichtiger als der Verein. Er spielt jetzt für jemand anderen, wir werden damit leben." Seine neuen Stürmer Luis Suárez und Andy Carroll, in die er die 60 Millionen Euro Ablöse reinvestierte, will er langsam an das Team heranführen. Suárez traf gegen Stoke immerhin schon mal als Einwechselspieler.
Was Dalglish bisher auch anpackt, es gelingt. Der portugiesische Mittelfeldmann Raul Meireles ruft plötzlich sein Potenzial ab, er traf viermal in den letzten fünf Spielen, unter anderem zum Sieg in Chelsea. In Außenverteidiger Martin Kelly beförderte er zum ersten Mal seit langer Zeit einen Jungen aus dem eigenen Nachwuchs zum Stammspieler – dieser dankt es bislang mit exzellenten Leistungen. Viel Lob bekam Dalglish auch für die Anstellung von Steve Clarke als Co-Trainer. Der ehemalige Gefolgsmann von José Mourinho bei Chelsea gilt als einer der kompetentesten Coaches auf der Insel.
Eine solche Entscheidung hätten ihm die Skeptiker nicht zugetraut, die ihm unterstellten, er wolle bloß die Vergangenheit wieder aufwärmen. Tatsächlich denkt Dalglish an die Zukunft des Klubs. Und geht es nach dem Willen von Fans und Mannschaft, dann soll er die auch gestalten. Von Kapitän Steven Gerrard über Jamie Carragher und Dirk Kuyt sprach sich in den letzten Wochen ein Führungsspieler nach dem anderen dafür aus, den momentanen Interimsvertrag von Dalglish alsbald über das Saisonende hinaus zu verlängern. "Er ist der perfekte Mann, um hier alles wieder in die richtige Richtung zu bewegen“, sagte Gerrard. Der King ist zurück – und mit ihm auch sein Königreich.
Quelle: t-online.de
Otto schrieb:
am 11. Februar 2011 um 15:50:31
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Kenny Dalglish führt den FC Liverpool zurück in die Erfolgsspur
Hier wird eine Lobeshymne auf Kennys "antiquiertes" System abgehalten, was
ja auch richtig ist...
Als Rehagel 2004 Griechenland zum EM-Titel führte, wurde er verlacht für die Spielweise, die er spielen ließ. Zum Schluss zählt der Erfolg, der momentan auch Dalglish Recht gibt.
Offenbar ist es doch nicht verkehrt, ab und an auch auf die "Alten" zu hören. Man muss nicht jeden "neuzeitlichen Schnickschnack" mitmachen, was übrigens für viele Lebensbereiche zutreffend ist.
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harry schrieb:
am 11. Februar 2011 um 12:28:56
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K. Dalglish 2
EIne Anmerkung noch zum Artikel, weil dort das entsprechende Problem auch ganz gut analysiert ist: Hätte es irgendwan zu
seiner Zeit eine "Gesamt-Britische Nationalmannschaft" gegeben, so hätte er mit dieser sicherlich auch gute Chancen auf einen internationalen Titel gehabt.
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harry schrieb:
am 11. Februar 2011 um 12:24:43
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Kenny Dalglish
Franz Beckenbauer hat nicht übertrieben, wenn er K. Dalglish als einen der besten Fußballer aller Zeiten betitelt. Ich habe
selbst noch die Duelle seiner aktiven Spielzeit i.R.d. E.-Pokals der Landesmeister (= heute CL) gesehen. MG gegen Liverpool: Diese Spiele gehören für mich noch heute qualitativ zu den BESTEN Fußballspielen des europ.Vereinsfußballs überhaupt. Ich wünsche ihm VIEL ERFOLG an alter Wirkungsstätte-er IST Liverpool, wie vielleicht ein UH oder FB "der FC Bayern" sind.
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