22.08.2009, 10:07 Uhr
Das Gespräch führte Sebastian Schlichting
Die deutschen Fans sorgten für gute Stimmung bei der WM. (Foto: dpa)Kaum erwarteteneun Medaillen haben die deutschen Leichtathleten bei der WM in Berlin bereits gewonnen. Eine Marke, die nur wenige vorher erwartet hatten. Es herrscht die einhellige Meinung, dass der Heimvorteil beflügelt.
Der Sportpsychologe Werner Mickler (56) spricht über die Rolle des Publikums und sagt, welche Probleme die Euphorie mit sich bringen kann.
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t-online.de: Herr Mickler, die deutschen Athleten schwärmen nach ihrem Wettkämpfen stets vom Publikum, das sie nach vorne treibt. Wie viel kann der Heimvorteil denn nun wirklich bewirken?
Werner Mickler: Mit dem Heimvorteil ist das so eine Sache. Wer richtig damit umgeht, dem hilft das Publikum. Das Gefühl, „alle wollen mir helfen“, kann zusätzliche Kräfte freisetzen. Aber es kann auch nach hinten losgehen.
Inwiefern?
Sportpsychologe Werner Mickler spricht im Interview über den Heimvorteil. (Foto: privat)Es kann passieren, dass der Athlet überdreht. Er will im eigenen Land allen zeigen, wie gut er ist. Das kann zu Verkrampfungen führen. Dann kommt nicht einmal die normale Leistung dabei heraus. Bei der WM haben zwar viele Deutsche positiv überrascht, aber eben nicht alle. Neben anderen Faktoren kann ein Grund sein, dass man sich zu sehr von der Euphorie hat beeinflussen lassen.
Wie kann das verhindert werden?
Der Kopf muss eingeschaltet werden. Jeder geht mit einer Taktik in den Wettkampf. An die muss man sich halten, sonst wird der Heimvorteil zum Heimnachteil. Wer es aber schafft, sein Ding durchzuziehen und trotzdem die Atmosphäre für sich zu nutzen, den kann das Publikum in der Tat tragen.
So wie die Siebenkämpferin Jennifer Oeser, die nach ihrem Sturz im abschließenden 800-Meter-Lauf zu Silber rannte...
Sie hat ja selbst gesagt, dass sie dieses Raunen im Publikum gehört hat als sie gestürzt war. Aber so wollte sie sich natürlich nicht verabschieden. Dieser Gedanke hat noch einmal Kräfte freigesetzt, dazu das begeisterte Publikum, das war einfach eine perfekte Mischung.
Die Zuschauerzahlen bei der WM waren in der Woche zunächst nicht berauschend. Das Olympiastadion war halbleer. Trotzdem sprachen die deutschen Athleten von der tollen Unterstützung durch das Publikum...
Das ist kein Widerspruch. Die Zuschauer, die da waren, sind ja wirklich mitgegangen. Und im Wettkampf fällt einem nicht mehr auf, ob Plätze frei sind. Da nimmt man nur noch die Akustik wahr.
Hilft es, sich vorab darauf vorzubereiten, was einen im Stadion erwartet?
Mit Sicherheit. Das ist vergleichbar mit der Situation vor einer Prüfung. Da erkundigen Sie sich ja auch, wie viele Leute Sie prüfen, welche Themen in Frage kommen...Sonst kann es Ihnen passieren, dass Sie mit einem Prüfer rechnen und auf einmal sitzt Ihnen ein halbes Dutzend gegenüber. Wenn Sie darauf nicht vorbereitet sind, werden sie unsicher. So ist es beim Sportler auch: Wenn er weiß, was auf ihn zukommt, ist es einfacher.
Auch beim Fußball ist oft vom Heimvorteil die Rede. Ist das mit der Situation jetzt bei der WM vergleichbar?
Nein, Fußballer spielen ja in der Regel alle zwei Wochen im eigenen Stadion. Einen so großen Wettkampf im eigenen Land erleben die meisten Sportler aber nur einmal im Leben. Das ist etwas Einmaliges. Zudem zählen in der Leichtathletik Zeiten, Höhen und Weiten, also Fakten. Im Fußball dagegen entscheidet der Schiedsrichter. Er kann möglicherweise durch das Publikum beeinflusst werden.
Quelle: t-online.de
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