17.09.2009, 08:01 Uhr
Ein Kommentar von Mike Glindmeier
Flavio Briatore hat sich und der Formel 1 einen Bärendienst erwiesen. (Fotos: ddp/Reuters)Ein inszenierter Unfall, ein dubioser Sieg und ein geschasster Playboy: Der Skandal um den vorsätzlichen Crash von Ex- Renault-Pilot Nelson Piquet hat das Image der Formel 1 schwer beschädigt. Daran ändert auch der Rauswurf von Teamchef Flavio Briatore nichts.
Wie weit gehen Sportler, um zu siegen? Sie können ihr eigenes Blut auffrischen, sich leistungssteigernde Substanzen verabreichen oder Schiedsrichter und Gegner bestechen. Das alles kennt man vom Leistungssport und - so traurig es auch klingt - man hat sich an solche Enttäuschungen gewöhnt. Der jüngste Skandal in der Formel 1 aber erreicht neue, noch verachtenswertere Dimensionen.
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VideoBriatores Abgang
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Flavio Briatore Sein Leben als Playboy
Renault-Teamchef Flavio Briatore soll seinen mittlerweile entlassenen Fahrer Nelson Piquet junior in der Saison 2008 beim Großen Preis von Singapur dazu gezwungen haben, einen Unfall zu verursachen. Das taktische Manöver sollte seinem Teamkollegen Fernando Alonso den Sieg ermöglichen. "Wir werden die aktuellen Anschuldigungen der Fia bezüglich des Singapur-Grand-Prix nicht bestreiten", erklärte Renault dazu am Mittwoch.
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Damals gewann Alonso tatsächlich, doch ein Jahr später steht fest: Es gibt nur noch Verlierer. Dazu gehören:
Der Entdecker von späteren Weltmeistern wie Michael Schumacher oder Fernando Alonso ist nicht nur seinen Job beim französischen Autobauer los, er wird angesichts des Geständnisses seines Ex-Teams als einer der skrupellosesten Sportfunktionäre in die Geschichte eingehen. "Fucking hell, was für eine Scheiß-Blamage, fucking, er ist kein Rennfahrer", hatte Briatore damals per Boxenfunk noch über Piquet geschimpft - eine fast perfekte Inszenierung, die auch im Fahrerlager zunächst noch funktionierte. "Es wäre sehr dumm, so etwas zu machen. Man kann doch nicht abschätzen, wie schwer der Unfall wird", hatte Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel in der vergangenen Woche gesagt, als die Gerüchte um den fingierten Crash erneut aufkamen. BMW-Fahrer Nick Heidfeld äußerte Verwunderung: "Das ganze Leben trainierst du als Rennfahrer, nicht in die Mauer zu fahren - und dann so etwas?" Womit man schon beim nächsten Verlierer wäre.
Video Eine Runde in Singapur mit Nico Rosberg
Nelson Piquet junior: Sicher, F1-Piloten sind Profis, es geht um eine Menge Geld und eine schillernde Karriere in der Königsklasse des Rennsports - aber setzt man dafür vorsätzlich seine Gesundheit aufs Spiel? Piquet hätte nein sagen können, er hätte nein sagen müssen. Am Ende ist der Sohn des ehemaligen Formel-1-Weltmeisters Nelson Piquet senior sowieso da gelandet, wo er damals im schlimmsten Falle hätten landen können: auf der Straße. Mit dem Unterschied, dass er zum Paradebeispiel des Fairplay-Sportlers hätte avancieren können - und jetzt da steht wie eine karrierefixierte Marionette.
Der Spanier genießt ohnehin nicht den besten Ruf bei Kollegen und den Fans. Dieser Skandal dürfte seine Sympathiewerte weiter sinken lassen - auch wenn er von dem durch seinen Ziehvater inszenierten Crash nichts gewusst haben soll. Genützt hat es ihm im Titelrennen am Ende der Saison ohnehin nichts: Lewis Hamilton wurde im Mercedes Weltmeister.
Nelson Piquet jr."Fernando wusste alles"
Der Verlauf des Unfalls von Singapur hätte den Weltverband bereits viel eher stutzig machen müssen. Zumal es entsprechende Andeutungen aus der F1-Szene gab. Piquet bezeichnete die Telemetriedaten aus dem besagten Rennen in einem Schreiben an die Fia Anfang August als eindeutig. "Ich habe nun einen Teil der Telemetrie gesehen und erachte dies als klare Untermauerung meiner Aussage, dass ich in Kurve 17 der Runde den Unfall verursacht habe", so Piquet. "Nachdem ich mich versichert hatte, dass ich mich in der benannten Runde des Rennens befinde, verlor ich am Ausgang von Kurve 17 absichtlich die Kontrolle über mein Auto. Ich tat dies, indem ich hart und früh auf das Gaspedal drückte." Das hätte auch den Rennkommissaren auffallen müssen. Ein schwaches Bild der Expertenkommission.
Der Ausstieg von BMW, Max Mosleys Sexskandal, wochenlange Streitigkeiten über die Zukunft der beliebtesten Rennsportserie der Welt, der sportliche Einbruch von Top-Teams wie Mercedes oder Ferrari: Die Formel 1 hat zuletzt genug Negativschlagzeilen produziert. Bis heute galt die Lügenaffäre um Hamilton am Anfang der Saison als Tiefpunkt, mit dem Fall Piquet junior setzt sich der Absturz fort. Der Imageverlust der Formel 1 scheint unaufhaltsam weiterzugehen.
Daher wäre es umso wichtiger, dass die Fia-Verantwortlichen jetzt ein deutliches Zeichen setzen und Renault mit dem sofortigen Ausschluss bestrafen. Am kommenden Montag müssen die Renault-Verantwortlichen zu einer der Anhörung beim Motorsport-Weltrat antreten. Durch die Trennung von Briatore könnten sie Schlimmeres verhindert haben. Sowohl die italienische "Gazzetta" als auch die spanische Zeitung "As" spekulierten aber bereits, dass das Team ohne Briatore straffrei aus der Affäre herauskommen könnte.
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Laut "As" soll der Renault-Konzern der Fia sogar von sich aus angeboten haben, Briatore abzulösen. Das Formel-1-Team erklärte, sich bis zu der Anhörung zu diesem Thema nicht mehr äußern zu wollen. Auch von Briatore gab es am Mittwoch keine Stellungnahme. Als mögliche neue Teamchefs werden nun bereits Alain Prost und Frederic Vasseur gehandelt.
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Quelle: Spiegel Online
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