04.11.2009, 12:44 Uhr
Claudia Pechstein zittert vor dem Urteil des CAS. (Foto: dpa)Claudia Pechsteinzittert vor dem Richterspruch, der deutsche Verband bangt um sein Image, der Weltverband um seine Reputation: Voraussichtlich am Donnerstag wird der Internationale Sportgerichtshof CAS sein Urteil im Fall der wegen erhöhter Blutwerte im Indizien-Beweis gesperrten Olympiasiegerin fällen.
Schon jetzt ist klar: Der Fall Pechstein wird auch den internationalen Saison-Einstieg der Eisschnellläufer am Wochenende beim Weltcup in Berlin überschatten.
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Nach der zweitägigen Anhörung in Lausanne mussten die drei CAS-Richter eine extrem schwere Entscheidung fällen: Bei ihrem in der Sportwelt mit Spannung erwarteten Richterspruch geht es um die Glaubwürdigkeit des Sports und die Perspektiven des Anti-Doping-Kampfes schlechthin.
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Claudia Pechstein, die Hauptperson im bereits vier Monate währenden Streit mit der Internationalen Eislauf-Union ISU, hat sich nach eigener Aussage noch nie mit dem Fall eines für sie negativen Ausgangs beschäftigt. Die 37-Jährige weiß aber sehr wohl um die Konsequenzen. Der Doping-Stempel würde ihrer Karriere ein abruptes Ende setzen, der Beamten-Job bei der Bundespolizei wäre futsch. Zudem hätte sie viel Geld für den Nachweis ihrer Unschuld in den Sand gesetzt.
Im anderen Falle könnte sie bei einer rechtzeitigen CAS-Entscheidung bereits am Freitag im 3000-Meter-Rennen beim 20. Berliner Weltcup ihren Rivalinnen gegenübertreten. Diese hatten sich, wie die Niederländerinnen Ireen Wüst und Renate Groenewold, zuvor mit abfälligen Worten über die vermeintliche Doping-Sünderin geäußert. Im Kreis der Olympia-Favoritinnen aus Kanada war die Pechstein-Sperre sogar mit "High-Five"-Abklatschern begrüßt worden.
Ob aber Pechstein bei einem Freispruch nach eingeschränktem Training in diesem Sommer überhaupt mithalten kann, weiß sie selbst nicht. "Schwere Beine auf den Runden und viel Ballast im Kopf", trage sie mit herum. "Aber vielleicht fallen rechtzeitig alle Lasten von mir ab. Es kann nur einen Freispruch geben", hofft sie. Ihr Management würde dann den Weltverband mit Millionen-Klagen überziehen. Sollte das Urteil aber anders kommen, als sich das jeder im Lager Pechstein vorstellt, ist der Gang vor das Schweizer Bundesgericht höchstwahrscheinlich. Dort wäre Widerspruch aber nur noch in Verfahrens-Fragen möglich.
Überraschend wird ISU-Chefmediziner Harm Kuipers am Wochenende nicht beim Weltcup in Berlin dabei sein. Der Niederländer hatte Pechsteins Sperre mit Langzeit-Profilen und Wettkampf-Kontrollen anhand nur eines Parameters herbeigeführt: Der Retikulozyten-Wert, die Vorstufe der roten Blutkörperchen, war erhöht. Pechstein hatte am Dienstag den Rücktritt des wichtigsten ISU-Mediziners wegen angeblicher Ungleichbehandlung gefordert. Kuipers nannte keinen Grund für sein Fernbleiben und kündigte zudem an, er werde in Berlin auch keine Statements zum CAS-Urteil abgeben.
Im Falle einer Niederlage hätte die ISU dem Weltsport und der effektiveren Doping-Bekämpfung einen Rückschlag versetzt. Hingegen räumt Wilhelm Schänzer, der Leiter des Kölner Anti-Doping-Labors, ein, dass das Urteil in jedem Falle dem Nachweisverfahren mit indirektem Beweis den Weg bereiten werde. Dazu gehört nach Auffassung der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) auch die Wahrung der Rechte der betroffenen Athleten in Sachen Genauigkeit und Korrektheit bei der Abwicklung der Proben. Das sei im Falle Pechstein nicht der Fall gewesen, meint Präsident Gerd Heinze.
"Es ist von der ISU keinerlei Beweis für EPO oder ähnliche Mittel erbracht worden", behauptet der DESG-Präsident. "Die Ausuferungen ihrer Reti-Werte haben ganz individuelle Ursachen und sind keine einmalige Angelegenheit. Die ISU-Mediziner haben das gewusst und ihre Fürsorgepflicht verletzt, in dem sie Claudia voreilig aus dem Rennen genommen haben", kritisierte auch Heinze den Weltverband. "Entlastungs-Theorien nur aufgrund von Mutationen ohne funktionellen Nachweis würden in Zukunft bei modernen Dopingmitteln die Bemühungen der Fahnder aussichtslos machen", meint hingegen der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel.
Quelle: dpa
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