16.09.2009, 15:37 Uhr
Die Südafrikanerin Caster Semenya. (Foto: imago)Der Fall der südafrikanischen 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya hat das Phänomen Intersexualität in den Fokus gerückt. Das Zwitter-Dasein ist weitgehend unerforscht und herkömmliche Testverfahren liefern nach Expertenmeinung keine zuverlässigen Ergebnisse.
"Die rein genetische Analyse allein erlaubt keine endgültige Entscheidung der Einordnung als Mann oder Frau, es gibt viele genetische Muster", erklärt Hans-Hermann Dickhuth, Ärztlicher Direktor der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. Entscheidend sei die äußere Entwicklung als Frau oder Mann.
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"Im Sport gehen viele Personen mit männlichem Chromosomensatz als Frauen durch, die gegen männliche Hormone resistent waren und daher wie Frauen aussahen", sagt Hertha Richter-Appelt, Sexualforscherin an der Universitätsklinik in Hamburg. Vermännlichte Frauen seien aber nicht zwangsläufig Männer und hätten nicht immer einen Wettbewerbsvorteil. Der genetische Defekt könne aber zu besseren sportlichen Leistungen führen.
"Wenn erhöhte Testosteronwerte bei einer Person vorliegen, kann es erhöhte sportliche Leistung geben", sagt die Leiterin der Forschungsgruppe Intersexualität Richter-Appelt. Schätzungsweise 100.000 Menschen leben in Deutschland, die kein eindeutiges Geschlecht oder eine abweichende Geschlechtsidentität haben.
Frauen könnten durchaus männliche Geschlechtshormone haben, ohne gleich als Männer durchzugehen, erklärt die Sportwissenschaftlerin Petra Platen von der Universität Bochum. "Manche Frauen haben genetisch bedingt eine höhere muskuläre Anlage als andere Frauen", sagt Platen. Erst durch die zusätzliche Ausschüttung von Testosteronhormonen, die die Muskelbildung fördern, entstehe ein Leistungsvorteil. "Ständig erhöhte Testosteronspiegel sind mit einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit verbunden und somit ist eine Wettbewerbsverzerrung vorgegeben", sagt Dickhuth. So schätzt er, dass bis 1960 etwa 50 Prozent der Weltrekorde bei Frauen durch so genannte Intersexe gehalten wurden.
Frauen, die wie Männer aussehen, sind in der Sportwelt keine Seltenheit. Der Extremsport führt bei Frauen oftmals dazu, dass sie flachbrüstig werden und die Menstruation aussetzt. Geschlechtstests sollen zwar Zweifel beseitigen, sind aber zweifelhaft.
Die ehemalige Handballerin Petra Platen kennt die Sportwelt gut. Als sie im Jahr 1984 bei den Olympischen Spielen an den Start ging, wurden obligatorische Sex-Tests gemacht. Sie erinnert sich, wie Frauen eine Probe ihrer Mundschleimhaut abgeben mussten. Diese Tests wurden aber abgeschafft, weil sie Frauen diskriminieren, sagt Platen. Auch aus medizinischer Sicht sind die Tests "nicht zuverlässig", sagt Richter-Appelt. Intersexualität könne man nicht so leicht bestimmen. "Stattdessen müssen Blutproben genommen werden, um die Hormone zu bestimmen und genetische Tests durchgeführt werden."
Die Forscherin fügt hinzu, dass erst durch Ultraschall- Untersuchungen versteckte weibliche und männliche Organe entdeckt werden können. "Einige bekommen gar die Testosteron-produzierenden Organe entfernt", weiß die Sexualexpertin. Das führe nicht immer zur Disqualifizierung im Sport. Richter-Appelt: "Der Missbrauch im Sport ist da." Es müsse deshalb individuell entschieden werden, ob Tests durchgeführt werden und wie Ergebnisse zu bewerten seien. "In den Regelwerken gibt es dazu keine Bestimmungen", stellt Helmut Digel, Councilmitglied im Leichtathletik-Weltverband IAAF fest. "Es ist ein Problem aller Sportarten, wie wir mit dem dritten Geschlecht umgehen."
Quelle: dpa
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