02.01.2012, 09:48 Uhr
Tom Hildes achter Rückenwirbel ist gebrochen, sichtbar aber sind die Gesichtsverletzungen. (Quelle: Reuters)
Tom Hilde kann sich an seinen schweren Sturz zum Auftakt der 60. Vierschanzentournee in Oberstdorf nicht mehr komplett erinnern. "Ein paar Sekunden fehlen mir." Der 24-Jährige weiß aber sehr wohl noch, dass er selbst schuld ist, "zu viel riskiert" habe, "um noch die Extrameter herauszuholen." Als Zehntplatzierter war Hilde in den zweiten Durchgang gegangen und nach seiner Landung bei 131,5 Metern verhängnisvoll gestürzt. Sein achter Rückenwirbel ist gebrochen und seine Saison beendet.
Dies sei "der momentane Stand". Hilde präsentierte sich 48 Stunden nach dem Unglück zwar mit blauem Auge und großen Wunden im Gesicht, seinen Humor hatte er aber nicht verloren. "Ein Wirbelbruch ist gar nicht so schlimm und schmerzhaft, wie das vielleicht klingt", sagte der Norweger und setzte sein schönstes Lächeln auf.
Viel mehr ärgert sich der Bruchpilot über den Anfängerfehler, der zum Sturz geführt hat. "Das war ein mieses Gefühl. Das war, als ob ein Fußballer einen Elfmeter verschießt und sich dabei den Rücken bricht", sagte der Tournee-Dritte des Vorjahres. "Ich habe viel Schnee in den Mund bekommen und konnte nur schwer atmen", sagte der viermalige Vize-Weltmeister, der erst nach einer 30 Metern langen Rutschpartie und einem Überschlag benommen liegen blieb. Sanitäter waren unmittelbar zur Stelle und fixierten den Unglücksraben auf einem Schlitten. Noch im Stadion winkte Hilde den verstummten Zuschauern zu.
Am Tag nach der Entlassung aus dem Krankenhaus fühlte sich Hilde "sehr gut", spürte aber die Schmerzen im Rücken noch deutlich. Als er unmittelbar nach dem Unfall in die Klinik kam, konnte er sich zwar bewegen, durfte das aber nicht. "Das ist für einen Top-Athleten natürlich eine harte Nachricht und alles wird ganz düster. Aber in den 24 Stunden danach gab es nur noch gute Neuigkeiten. Eine Operation war nicht nötig", sagte der Unglücksrabe.
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Bereits am 2. Januar geht es zurück nach Norwegen, wo weitere Untersuchungen anstehen. "Vor allem Rücken und Knie werden durchgecheckt", sagte Hilde, der in der nächsten Saison in den Weltcup zurückkehren möchte und keine Folgen fürchtet: "Ich werde mich sicher immer daran erinnern, aber deswegen nicht schlechter springen. Mental wird das keinen Einfluss haben."
Hilde war nicht das erste Sturzopfer der Saison. Beim Tschechen Roman Koudelka öffnete sich in Harrachov kurz vor der Landung die Bindung, Tournee-Favorit Gregor Schlierenzauer stürzte in Engelberg und Titelverteidiger Thomas Morgenstern verletzte sich in Oberstdorf am Arm, als er einen Sturz gerade noch verhinderte. In diesem Moment ist der Athlet schutzlos. "Wenn der Springer den Tisch verlässt, können wir nicht mehr eingreifen. Dann ist er der Risikosportart Skispringen ausgesetzt", sagt Renndirektor Walter Hofer. "Der Springer landet mit 120 Stundenkilometern, da kann die kleinste Irritation zum Sturz führen."
Für Stephan Hocke liegt der Schlüssel zur eigenen Gesundheit darin, nicht zu viel zu riskieren. "Ich lande lieber einen Meter eher und setze einen sauberen Telemark. Dadurch habe ich letztlich sogar mehr Punkte", sagt der Team-Olympiasieger von 2002. Hocke spricht vom intelligenten Skispringen und davon, sich nicht von einer großen Kulisse anstacheln zu lassen.
Technische Vorgaben an den Skiern, um Landungen sicherer zu machen, sind beim Weltverband FIS nicht vorgesehen. "Die Ski sind zum Fliegen da, nicht zum Ski fahren", sagt Hofer. Eine technische Änderung, etwa die Ski wie im alpinen Bereich mit Kanten zu versehen, stoße auf Widerstand der Athleten.
Ein weiterer Risikofaktor ist die Kombination von Ski und Bindung. Für Hofer "ein Brennpunkt", der sich nur bedingt beseitigen lässt: "Unsere Regularien sollen für Fairness und Chancengleichheit sorgen. Was der Springer an seine Ski schraubt, liegt in seiner Verantwortung." Eine von der FIS zertifizierte Bindung gibt es bis heute nicht.
Quelle: sid , dapd
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