08.06.2011, 15:31 Uhr
Von Patrick Brandenburg
Sieben Siege in sieben Spielen: Die Bilanz der deutschen Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation ist makellos. So makellos, wie sonst nur bei Weltmeister Spanien und Vize Holland, die aber beide weniger Spiele absolviert haben. Das EM-Ticket ist dem DFB-Team so gut wie sicher, Joachim Löw und seine Truppe reisen mit sportlichem Frühbucherrabatt zur Endrunde 2012.
Der Bundestrainer hat nun ein Jahr Zeit, um in aller Ruhe auf das ganz große Ziel hinzuarbeiten: „Wir wollen in Europa die Nummer eins sein", sagte Löw schon vor dem gelungenen Saisonabschluss. Der Weg zum Titel bleibt eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Aber die Chancen sind so gut wie lange nicht mehr seit dem bislang letzten EM-Sieg vor inzwischen fünfzehn Jahren. Die Elf verfügt über eine stabile Achse, der Konkurrenzkampf tobt, es bleibt genügend Zeit für Experimente. Seit der grandiosen WM 2010 hat die junge Mannschaft enorm an Erfahrung, Selbstvertrauen und taktischem Geschick gewonnen.
„Wichtig ist, dass die Mannschaft im Kern eingespielt ist“, sagt der Bundestrainer. Torwart Manuel Neuer, Kapitän Philipp Lahm, Antreiber Bastian Schweinsteiger und Wirbelwind Thomas Müller bilden den festen Bayern-Block im Nationalteam. Diese vier Akteure besetzen vermutlich noch auf Jahre hinaus Schlüsselpositionen im DFB-Team. Dazu kommen Regisseur Mesut Özil und Abräumer Sami Khedira von Real Madrid als Fixpunkte. Miroslav Klose und Mario Gomez werden sich die bis zur EM den Platz im Sturm teilen. Um diese Konstanten herum wird Löw seine Elf aufbauen. Für Michael Ballack ist in diesem Gefüge kein Platz mehr. Diese offensichtliche Tatsache gegenüber dem Kapitän auf Abruf endlich auszusprechen, gehört zu Löws wenigen nicht erledigten Aufgaben.
Um die restlichen vier Positionen tobt ein ungeheurer Konkurrenzkampf von vielleicht 20 talentierten Akteuren, die zudem zur Not auch einen der Kernplätze einnehmen können. Es ist ein absoluter Luxus, dass etwa Lukas Podolski - mit satten 89 Länderspielen ein Routinier, aber auch erst 26 Jahre alt - von André Schürrle, 20, unter Druck gesetzt wird. Oder dass Mats Hummels, 22, auf dem Weg zum Abwehrchef ist, anstelle von Nationalelf-Opa Per Mertesacker, 26. Oder dass der 19-Jährige Mario Götze, jüngster DFB-Debütant seit Uwe Seeler, schon regelmäßig Einsätze bekommt.
Benedikt Höwedes, Sven Bender, Lewis Holtby, Marcel Schmelzer, Marco Reus – in der zweiten und auch der dritten Reihe stehen etliche Talente bereit, um den Powerfußball der neuen Generation auch im Nationalteam zu etablieren. Und es wäre ein Wunder, sollte in der kommenden Bundesliga-Saison nicht noch der eine oder andere Shooting-Star dazukommen, den heute noch keiner auf dem Zettel hat. Es ist der BVB-Code, der längst auch im Nationalteam zur Erfolgsformel geworden ist. In Aserbaidschan stand das bislang jüngste DFB-Team auf dem Platz - mit einem Altersschnitt von unter 24 Jahren.
Weil die EM-Teilnahme schon so gut wie perfekt ist, kann der Bundestrainer nun noch etliche Dinge gefahrlos ausprobieren - aber nicht ohne Druck. Denn belanglose Spiele hat die DFB-Elf auf dem Weg nach Polen und in die Ukraine nicht mehr. In den drei verbleibenden Partien der EM-Qualifikation kann das Team unter Wettbewerbsbedingungen an Taktik, Technik und System feilen. Auch die Freundschaftsspiele bergen nicht die Gefahr, zu lustlosen Sommerkicks zu verkommen: Brasilien, wahrscheinlich Holland und Frankreich heißen die Gegner. Diese Prestigeduelle sorgen von selbst für allerhöchste Konzentration. Dazu testet die Nationalmannschaft noch bei beiden EM-Ausrichtern – eine Simulation der Umstände im kommenden Jahr.
In diesen Partien wird sich der 23 Mann starke EM-Kader herausfiltern. Gleichzeitig kann sich die Mannschaft einspielen, und trotzdem bietet sich Raum für Experimente. Seit langem erklärt der Bundestrainer, dass er gerne ein alternatives System zur Hand hätte, um flexibler auf den Gegner reagieren zu können. Gut möglich also, dass er zur Probe zum klassischen 4-4-2-System zurückkehrt. Das würde zudem Mario Gomez stärken, der jüngst im Nationalteam seinen Durchbruch geschafft hat.
Vom berühmten Tiki-Taka, dem spanischen Kombinationsfußball erster Güte, ist die DFB-Elf noch ein gehöriges Stück entfernt. Aber der Bundestrainer wird nicht müde zu erklären, dass sich das deutsche Spiel sehr wohl in die Richtung Hochgeschwindigkeitsfußball bewegt. Das höhere Tempo zwischen Ballannahme und Pass ist ein deutlicher Beleg dafür. Auch in Sachen Fairness ist sein Team den Spaniern auf den Fersen. Keine einzige Rote Karte in der EM-Qualifikation und nur fünf Gelbe – das ist fast auf dem Niveau des Weltmeisters, dessen Akteure schlappe zwei Mal verwarnt wurden. Im modernen Fußball kann man es sich kaum noch leisten, Freistöße in Tornähe heraufzubeschwören. Kein Wunder, dass Löw das vorausschauende Spiel der neuen Generation von Verteidigern wie Hummels oder auch Holger Badstuber so lobt.
Und schließlich baut die DFB-Elf mittlerweile auf einen großen Erfahrungsschatz - trotz des Jugendstils. Gegen die Übermannschaft Spanien ist Deutschland zwar zwei Mal gescheitert. Chancenlos und deutlich, wie im EM-Finale 2008; letztlich verdient aber knapp, wie im WM-Halbfinale 2010. Aus diesen beiden Pleiten kann Löw wichtige Erkenntnisse ziehen für einen erneuten Showdown. Außerdem nimmt der WM-Dritte von 2010 und souveräne Tabellenführer der EM-Qualifikationsgruppe A ein gewachsenes Selbstvertrauen mit ins mögliche Duell mit dem Titelverteidiger. Vom großen Verlangen ganz abgesehen, nun auch das ganz große Ding zu drehen. Die U-21-Europameister von 2009 wissen schon wie das geht, der Kern dieser Mannschaft findet sich heute in der A-Nationalmannschaft wieder.
Quelle: t-online.de
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