27.02.2008, 12:46 Uhr
Krawalle in den Stadien gehört in Brasilien zum Alltag (Foto: Reuters)Einstürzende Tribünen, Fankrawalle, selbstgebastelte Bomben: Der brasilianische Fußball sorgt sechs Jahre vor der Weltmeisterschaft für negative Schlagzeilen. Erst am vergangenen Wochenende verlor ein Fan während eines Zweitligaspiels bei der Explosion eines selbstgebastelten Sprengkörpers seine Hand. Der Vorfall ereignete sich in der Partie Criciuma gegen Avai in Santa Catarina. Der Sprengkörper wurde von einem Avai-Fan auf die Haupttribüne geworfen. Dort versuchte der 62-jährige Ivo Costa die Bombe wegzuschaffen, doch sie explodierte in seiner Hand. Zudem wurde am Rande des Guanabara-Pokal-Finales nach Fanausschreitungen ein 24-Jähriger erschossen. Die Polizei ermittelt, ob es einen Zusammenhang zwischen den Krawallen und dem Tod des jungen Mannes gibt.
In jedem Fall verdeutlichen die aktuellen Ereignisse den kritischen Zustand des brasilianischen Fußballs. Zwar hat man sich auch in Europa schon an Fanausschreitungen gewöhnt, das Anzünden von Leuchtfeuern und Werfen von Feuerzeugen gehört schon fast zum Standardprogramm eines Bundesligaspiels. Trauriger Höhepunkt in Italien: Der Tod des Polizisten Filippo Raciti bei Krawallen am Rande des Serie-A-Spiels Catania Calcio gegen US Palermo im Februar 2007 schockierte ganz Europa. Zudem wurde im Herbst vergangenen Jahres ein 28-jähriger Fan von Lazio Rom auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel seiner Mannschaft von einem Polizisten erschossen. Dies führte zu schweren Ausschreitungen. Der Gebrauch von selbstgebastelten Bomben fand jedoch noch nicht den Einzug in die europäischen Stadien.
In Brasilien hingegen ist so etwas kein Einzelfall - bereits 2005 wurden bei Ausschreitungen vor der Partie Corinthas gegen Palmeiras in São Paulo 15 Menschen festgenommen. Bei einigen Inhaftierten fand man "Selfmade-Bomben". Zwar haben diese keine sehr große Sprengkraft, doch verheerenden Schaden können sie dennoch anrichten, wie am Wochenende deutlich wurde. "Es ist doch Wahnsinn. Ich war doch nur dort, um etwas Spaß zu haben", sagte Costa nach seiner Operation. Die Ärzte mussten ihm die Hand amputieren. Nach Auswertung der Fernsehbilder hat die Polizei zwei Verdächtige ausgemacht, konnte aber noch keinen der beiden festnehmen.
Die Gewalt ist jedoch nicht das einzige Problem des brasilianischen Fußballs. Die Stadien sind größtenteils marode und erfüllen nicht die Anforderungen, die die FIFA an den Ausrichter der WM 2014 gestellt hat. Im vergangenen Jahr stürzte in Salvador da Bahia in einem mit 60.000 Fans besuchten Stadion ein Teil der Tribüne ein. Dutzende Menschen fielen in die Tiefe, acht Menschen starben 35 verletzten sich teils schwer.
Doch trotz solch schockierender Meldungen vom Zustand des brasilianischen Fußballs wird die Fifa ihr Hauptaugenmerk zunächst auf die näherliegende WM in Südafrika legen müssen. Dort rufen die unzureichende Infrastruktur und eine hohe Kriminalitätsrate Besorgnis hervor.
Quelle: Spiegel Online
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