13.07.2009, 15:07 Uhr
von Tour-Experte Marcel Wüst
Lance Armstrong (l.) und Alberto Contador: Erbitterte Konkurrenten um den Tour-Sieg. (Foto: Reuters)Die erste Tourwoche und die ersten Hochgebirgsetappen haben fast mehr Fragen aufgeworfen, als sie uns beantwortet hätten. Dass man, um in Paris in Gelb einzufahren, die Kapitäne des Astana Teams schlagen muss, war zwar klar, aber gerade diese Kapitänsfrage scheint immer noch offen zu sein. Dennoch gehört die in Deutschland abgelieferte Berichterstattung über einige Vorfälle zurechtgerückt und hinterfragt.
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War es, wie man lesen konnte, "eine linke Tour" von Armstrong, am dritten Tag der Rundfahrt auf der Windkante in der ersten Gruppe präsent zu sein? Wohl kaum. Es war sicher das einzig Richtige. Dass Contador den Anschluss verpasste war dann eher ein Fehler des Spaniers. Und da die zu diesem Zeitpunkt noch ernst zu nehmenden Konkurrenten Evans, Mentschow, die Gebrüder Schleck und Co. ebenfalls den Zug verpassten, war es eine taktische Notwendigkeit, einem der Kapitäne, in diesem Fall dem cleveren Armstrong, den 41-Sekunden-Vorsprung zu ermöglichen. Dass am Tag darauf die Astana Fahrer das Teamzeitfahren dominierten, war eigentlich genau so zu erwarten wie die haushohe Überlegenheit eines Marc Cavendish in den ersten Sprints. Nun tragen aber weder Cavendish das Grüne, noch einer der vier Astana Fahrer, die unter den Top Ten zu finden sind, am ersten Ruhetag das Gelbe Trikot.
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Dass die Konstellation bei Astana nicht optimal ist mit zwei Fahrern, die intern um die Kapitänsrolle kämpfen, ist klar. Dennoch hat die von Johan Bruyneel geführte Mannschaft eine bessere Ausgangsposition, als es bei Lotto, Rabobank oder gar Milram der Fall ist: Hier sind die Kapitänsrollen klar verteilt, nur die Tour zu gewinnen scheint für deren Leader unmöglich.
Die erste Bergankunft dieser Tour auf der ersten von drei Pyrenäenetappen hat dann leider auch kein Licht in die Führungsrollen-Verteilung gebracht. Hinter dem bravourös kämpfenden Etappensieger Feillu griff Contador die verbliebenen Favoriten an, und keiner konnte ihm folgen - keiner? Na ja, vielleicht hätte Armstrong gekonnt, aber der würde den Teufel tun in der ersten Woche die Gleichstellungstheorie der beiden Kapitäne in Frage zu stellen. Also kann es gut sein, dass er nicht durfte oder nicht wollte – ob er nicht konnte, weiß er nur selber, und er wird sich hüten, das Geheimnis jemandem auf die Nase zu binden.
Aber auch ohne Lance, Astana und die Kontroversen machte diese erste Tourwoche vor allem eines: Spaß! Die Etappenverläufe waren spannend, Ausreißer kamen auch mal durch. Und es wurde Herausragendes, aber eben nichts Übermenschliches geleistet.
Vor allem gab es keine Hiobsbotschaften was das Thema Doping angeht. Allerdings wurde das in Deutschland mit Überschriften wie "gespenstische Dopingruhe" negativ kommentiert. Anstatt zu begrüßen, dass trotz der schärfsten Kontrollen, die es jemals bei einem Sportevent gab, keiner auffällig wurde, wurden immer wieder all jene zitiert, die die Qualität der Kontrollen weiterhin anzweifeln.
Auch denen, die die Personalie Armstrong negativ bewerten, möchte man auch mal das Gute und Relativierende seiner Rückkehr nahelegen: Viele Menschen verfolgen die Tour seinetwegen – um zu sehen wie sich der "old man from Texas" so schlägt beim härtesten Radrennen der Welt. Und wenn Armstrong die Tour tatsächlich als Sprungbrett zu einer politische Karriere nutzen will, dann kann uns doch eben dieser Veteran als Leistungsmesser dienen.
Die Dopingproben werden viele Jahre aufbewahrt, und nichts schadet einem zukünftigen Politiker mehr als eine nachträglich positive Kontrolle und der damit einhergehende Glaubwürdigkeitsverlust. Demnach ist es sehr realistisch, dass er nicht das kleinste Risiko in Kauf nehmen wird, vor allem nicht jenes, sich mit verbotenen Mitteln nach vorne zu bringen. Und dennoch könnte er in Paris ziemlich weit vorne landen - dieses Mal sauber. Das wäre doch mal etwas Positives!
Quelle: t-online.de
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